Berlin : Treitschke soll Schwarz-Grün nicht sprengen

Heftig ist der Streit über den Antisemitismus des preußischen Historikers. Doch die jahrelange Debatte über die nach ihm benannte Straße könnte bald beendet sein.

Werner van Bebber

Er hat sich oft und heftig gestritten. So wäre es dem Historiker Heinrich von Treitschke vielleicht nicht unrecht, dass in Berlin wieder über die nach ihm benannte Steglitzer Straße gestritten wird. Zumal der Streit einiges über Politik und über Geschichtspolitik lehrt – wenn auch nicht im Sinne der Lehren, die Treitschke vom Katheter der Berliner Humboldt-Universität und als Autor der „Preußischen Jahrbücher“ verbreitete.

Jedenfalls reden jetzt viele über einen der wirkungsmächtigsten preußischen Historiker. Wer sich aber eine Meinung über die Treitschkestraße und den Streit über deren beabsichtigte Umbenennung bilden will, erfährt einiges über Treitschkes Beteiligung am Berliner Antisemitismusstreit der Jahre 1879 bis 1881 – und über die Entstehungsgeschichte des Satzes „Die Juden sind unser Unglück“. Weil das so ist, weil der Streit über Treitschke vieles über den deutschen Antisemitismus bis hin zum Rassenvernichtungswahn der Nationalsozialisten sagt, sollen Streit und Diskussion noch weiter gehen. Ein Streit über einen Straßennamen als Einstieg in die Geschichte ist ein Grund, um mit der Umbenennung zu warten: Das ist die Mehrheitsmeinung in der Bezirksverordnetenversammlung von Steglitz-Zehlendorf – obwohl es heute eine Mehrheit für die Umbenennung gäbe.

Kaum jemand weiß genau, wann in Steglitz erstmals die Straßennamensänderung debattiert wurde. Heinz Galinski, der verstorbene Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, hat sich angeblich 1982 für eine Umbenennung ausgesprochen. Damals war das Bezirksamt einstimmig dagegen. Die Grünen schlugen 1993 vor, Robert Kempner, den US-Ankläger der Nürnberger Prozesse, mit einem Straßennamen zu ehren und brachten unter anderem die Treitschkestraße ins Gespräch. Die CDU lehnte das mit Verweis auf die Geschichte des Bezirks ab.

Der Streit brach immer wieder auf, doch stets war die CDU im Berliner Südwesten stark genug, um eine Namensänderung abzulehnen. Jetzt aber liegen die Dinge anders. Die Fraktionen von SPD und FDP beantragen die Straßenumbenennung. Die Grünen-Fraktionschefin Irma Franke-Dressler sagt, die Grünen wollten dies nach wie vor – zu dritt hätte man 33 Stimmen gegen 22 von der CDU. Doch die Grünen haben mit der CDU nach der Wahl 2006 eine Zählgemeinschaft gebildet – und die soll halten.

Die Lösung des Konfliktes lautet „Erinnerungskultur“, wie Franke-Dressler sagt. In der Treitschkestraße sollen Tafeln aufgestellt werden, die über den Antisemitismusstreit informieren. Es soll Veranstaltungen zum Thema und eine Ausstellung geben. In der Vereinbarung des ersten schwarz- grünen Bündnisses in einem Berliner Bezirk heißt es über die Treitschkestraße sowie über drei weitere problematische Straßennamen, auf diese Weise solle die „Problematik der Benennung aus heutiger Sicht dargestellt und diese in den jeweiligen historischen Kontext eingeordnet werden“.

Die Darstellung der „Problematik“ ist in vollem Gang. Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow argumentierte in dieser Zeitung gegen eine „Säuberung“ des Stadtbildes von Namen wie Treitschkestraße oder Hindenburgdamm und erinnerte daran, dass Treitschkes Antisemitismus in den 1870er und 1880er Jahren „im Einklang mit seiner Zeit“ stand – und auf die unbedingte Assimilation der jüdischen Einwanderer abzielte. Sabrow hat keinen Zweifel daran gelassen, dass Treitschkes Polemiken dazu beitrugen, den Judenhass der Deutschen zu verstärken. Weil Treitschke ein Antisemit gewesen sei, so argumentiert dagegen der Historiker Wolfgang Wippermann, solle er nicht länger Namenspatron einer Berliner Straße sein. Der Publizist Henryk M. Broder verspottet die Grünen wegen des Vorschlags, auf Tafeln über Treitschke zu informieren. Ebenso können man eine Tafel vor das Rathaus stellen, auf der es heiße: „Die Grünen: In der Opposition vorlaut, in der Regierung kleinlaut“.

Was aus dem Straßennamen werde, sei ihm „im Grunde egal“, teilt Broder mit. Politische Verteidiger hat die Treitschkestraße ohnehin kaum mehr. Marc Wesser, Vorsitzender der CDU-Fraktion in der BVV, kann sich gut vorstellen, dass nach einer längeren Debatte seine Parteifreunde der Umbenennung zustimmen. Er erwartet ein Ende des Namensstreits am Ende der Legislaturperiode. Der an die Noch- Treitschkestraße grenzende namenlose Park soll dann zum Harry-Breslau-Park werden – das war ein Gegner Treitschkes im Antisemitismusstreit. Der 1896 verstorbene Professor hätte dann nur noch sein Ehrengrab auf dem Alten Kirchhof der St. Matthäusgemeinde in Schöneberg.

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