Trendsportarten in Berlin : Slackline, Jugger, Parkour, Bouldern und Bootcamp

In Parks und auf Brachen entstehen neue Sportszenen, der Senat fördert den athletischen Wildwuchs, die etablierten Vereine profitieren. Fünf urbane Disziplinen im Porträt – und eine Theorieeinheit.

von , und
Gemeinsam stärker. Überall in der Stadt sieht man im Sommer Sportlergruppen unter freiem Himmel trainieren – wie diese Jugger- Spieler auf dem Tempelhofer Feld.
Gemeinsam stärker. Überall in der Stadt sieht man im Sommer Sportlergruppen unter freiem Himmel trainieren – wie diese Jugger-...Foto: William Veder

Gymnastikgruppe hätte man sie früher genannt, die sieben Sportler, alle um die 30. Aber sie wirken so cool, dass sie eher einen Namen wie Urban Athletes verdient hätten, mit der mitgebrachten Clubmusik, mit ihren bunten Klamotten aus teurer Kunstfaser. Sie machen Sport im Kreis, jeder etwas anderes, einer mit Gymnastikband am Fuß, eine mit Hantel in der Hand. Nur ein paar Meter weiter bewegt sich etwas anderes, Basketbälle fliegen auf einen Korb. Wieder etwas weiter stehen ältere Athleten an Geräten, um ihre Bauch- und Rückenmuskeln zu stärken. Mittendurch rauschen Longboards und BMX-Räder. Und obendrüber fängt die U 1 an zu bremsen für den Bahnhof Gleisdreieck. Willkommen an einem der offensten Sportplätze der Stadt.

Es gibt einige Orte wie diese, an denen Berlin zum Fitnessstudio geworden ist. Unter freiem Himmel. Manchmal auch mit freien Oberkörpern. Der Park am Gleisdreieck ist so ein Fitnessstudio. Ohne Eintritt. Mit viel Ausblick. Ein anderes ist das Tempelhofer Feld, noch größer, mit Möglichkeiten, sich von einem Drachen auf einem Longboard über die ehemaligen Fahrwege der Flugzeuge ziehen zu lassen. Frisbees können hier jetzt zu Langstreckenflügen abheben.

Der Sport wird immer sichtbarer in der Stadt. Das liegt zum einen daran, dass neue Grünflächen dazugekommen sind. Kaum ist ein neuer Park entstanden, sind schon die Sportler da, manchmal schneller als die Picknicker. Aber auch der Sport ist in Bewegung. Früher waren es meist Jungs und junge Männer mit ausrasierten Nacken, die über genormte Plätze rannten und nach strengen Regeln darum wetteiferten, ihre Leistungen stetig zu verbessern. Das hat sich längst geändert. „Es sind immer breitere Bevölkerungsgruppen aus anderen Motiven sportlich aktiv“, sagt Sebastian Braun, Professor für Sportsoziologie an der HU Berlin. Kleinkinder, Mädchen, Frauen, Berufstätige und Rentner laufen nicht nur mit, sondern auch in andere Richtungen. Es geht weniger um Wettkampf und mehr um Spaß an der Bewegung, auch das Gesundheitsbewusstsein ist gestiegen.

Die Gesellschaft individualisiert sich - und mit ihr der Sport

Aber Sport ist noch mehr, er drückt ein Lebensgefühl aus, das sich bis in Kleidung und Sprache fortsetzt. Mancher Trend wird dabei auch von der Sportartikelindustrie getrieben. Die Gesellschaft hat sich individualisiert, jeder sucht sich das passende Angebot heraus. Gerade in Berlin ist es riesig.

Video
Rempeln, Stoßen, Foulen - alles ist erlaubt
Rempeln, Stoßen, Foulen - alles ist erlaubt

Als der Senat 2008 nach dem Sportverhalten der Bevölkerung fragte, gaben zwei Drittel an, privat Sport zu treiben, es folgten die Fitnessstudios mit 15 Prozent und die Vereine mit 12 Prozent. Unter den Ungebundenen bilden Klassiker wie Joggen, Radfahren und Schwimmen die Masse. Aber Berlin ist auch beim Sport ein Versuchslabor, in Parks und auf Freiflächen entstehen neue Szenen. Es ist manchmal nur eine kleine Avantgarde, vieles verläuft sich wieder, aber es sticht Passanten sofort ins Auge, wenn Athleten Treppen, Wände und Asphalt zum Fitnessgerät machen, Parkour nennt man das dann.

Auffallen ist dabei durchaus gewollt. Sport im öffentlichen Raum ist in Deutschland längst akzeptiert, niemand würde mehr einen Jogger auf der Friedrichstraße höhnisch mit Klatschen und „Hepp, hepp“-Rufen anfeuern. Aber ganz ohne Bewertung geht es eben auch nicht. Wer spektakuläre Tricks im Park vollführt, für den sind die Passanten die Punktrichter. „Der Körper wird zunehmend als Ausdruck erfolgreicher Lebensführung betrachtet“, sagt Sportsoziologe Braun. Gut auszusehen beim Sport und durch Sport scheint mittlerweile ebenso wichtig wie der Sport selbst. Viele wollen den eigenen Körper auch einfach spüren nach langem Sitzen am Schreibtisch. Die immer unregelmäßigeren Arbeitszeiten, vor allem in Großstädten, verlangen dabei Flexibilität. Wer Karriere, Kindern und Körper gerecht werden will, muss auch spontan frühmorgens, spätabends oder kurz in der Mittagspause trainieren können. Das ermöglichen in Berlin die vielen Parks, und der sonnige Sommer war ein guter Mitspieler.

Speedminton wurde in Berlin erfunden

Doch im Freien fehlen oft Versicherungsschutz und Anleitung durch Trainer, das Verletzungsrisiko steigt. Auch darum bleiben Fitnessstudios und Vereine wichtig. „Das sind unterschiedliche Angebote“, sagt Braun. Wer im Park mit dem Streetkite in die Lüfte steigt, kann trotzdem Mitglied im Fußballklub sein. Die Mitgliedszahlen von Vereinen und Studios steigen seit Jahren konstant. In Berlin kamen im vergangenen Jahr gut 12 000 Vereinsmitglieder dazu, ein Drittel davon Jugendliche. Inzwischen kommen die Berliner Vereine auf 620 000 Mitgliedschaften.

Obwohl dem Sportverein ein antiquiertes Image anhängt, „bleibt er als flexible Organisationsform sehr modern“, sagt Braun. Ohne großen Aufwand kommen lose Sporttreffs an eine feste Infrastruktur. Neue Sportarten wie Speedminton oder Ultimate Frisbee gründen Vereine oder schließen sich bestehenden an, Facebook ersetzt dabei den Rundbrief. Speedminton – in Berlin erfunden – richtet an diesem Wochenende sogar seine WM auf dem Olympiagelände aus.

Dabei müssen Vereine nicht auf Trendsportarten setzen, um Mitglieder zu werben oder zu halten. „Es gibt keine Patentrezepte“, sagt Braun. Wichtig sei zu wissen, was das Umfeld, der eigene Kiez verlangt. Für Zugezogene etwa kann ein Verein auch eine soziale Funktion haben und helfen, Anschluss zu finden. An Mitgliedern fehlt es weniger, gesucht sind eher Zeit- und Wissensspenden durch Ehrenamtliche, auf die die Vereine angewiesen sind.

Die Senatsverwaltung ist gerade dabei, ihr Bild vom Sport zu erweitern und will jetzt ein Parksportkonzept erarbeiten, auch um die Sportler und ihren Bewegungsdrang zu schützen, falls es mal zu Interessenkonflikten käme mit Anwohnern, Grillern oder anderen. Außerdem gibt es in der wachsenden Stadt Flächendruck, überall wird gebaut, um die Preise fürs Wohnen nicht weiter steigen zu lassen.

Aber es gibt noch einen anderen Grund für den sportlichen Aufbruch des Senats. Das große Wettkampfziel ist gerade weggebrochen. Um Olympische Spiele darf sich jetzt Hamburg bewerben. Also kann etwas Neues her – vielleicht ist es ja der Weltmeistertitel des Basissports. Das Besondere an einem solchen Titel ist, dass man ihn bestimmt nicht gewinnt, wenn man sich besonders darum bemüht. Berlins neue Sportwelt lebt vom Offenen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben