Berlin : Treppensteigen

Patricia Wolf

Was geht einem wohl am Ende durch den Kopf, bevor sich zum allerletzten Mal die Augen schließen? Lucas denkt daran, dass er 1914 geboren wurde und dass er im Krieg war. Und dass er jetzt gerne Schokolade essen würde. So einfach ist der Tod hier: gelassen, ohne Angst. Das Schönste, an das sich Lucas erinnert, ist, wie seine Frau Rosa in die Straßenbahn stieg. Er liebte Rosa, die nach Suppe roch.

Und er liebt die Achttausender. Deshalb spielt er auch immer mit seiner Schwester Maria beim beschwerlichen Treppensteigen hinauf in die gemeinsame Wohnung den Aufstieg auf seinen Lieblingsgipfel, den Shisha Pangma. Als Lucas nach einem Krankenhausaufenthalt zurückkehrt – nicht ohne sich vorher von der Klimaanlage, den Feuerlöschern und Krankenschwestern mit ihrer „Radiergummipersönlichkeit“ zu verabschieden –, treffen sie auf Marcos, einen jungen Straßenmusiker, der sich in ihrem Zuhause einquartiert hat. Weil die kleine WG so wunderbar funktioniert, weil Marcos und Lucas Freunde werden, darf Marcos bleiben. Auch Maria, „deren Herz so hart ist wie der Knochen eines Gnus“, mag ihn.

Mit leichter Hand erzählt der baskische Autor in seinem Debütroman von kleinen Unfällen und großen Krisen. Dass Lucas sich öfter in die Hose macht, dass er schon 38 Tage sein Bett nicht verlassen hat und Motten lieber mag als Japaner. Unai Elorriagas poetischer Ton ist traumsicher, seinen Figuren begegnet er mit ironischem Respekt. Hier wird ganz leicht, was in der Wirklichkeit oft so schwer scheint: wenn sich die Menschen zum Ende ihres Lebens scheinbar zurückentwickeln und wieder sind wie kleine Kinder, die sich nicht darum scheren, was andere von ihnen denken.


Dieses Buch bestellen Unai Elorriaga: Lucas oder Der Himmel über Nepal. Roman. Aus dem Spanischen von Karl A. Klewer. Schöffling & Co, Frankfurt a.M. 192 Seiten. 17,90€.

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