Berlin : Treptow: Von Tonleitern und Wellenreitern

Steffi Bey

Die meisten Schiffe, die im Treptower Hafen liegen, stechen auch irgendwann in See. Mit den großen und kleinen Dampfern erkunden Berliner und Touristen die Stadt vom Wasser aus. Doch zwischen den Fahrgastschiffen ankern zwei besondere Exemplare, die sich schon seit drei Jahren nicht mehr bewegt haben: die "MS Frohsinn" und die "MS Heiterkeit". Mit dem technischen Zustand der Schiffe hat das allerdings nichts zu tun. Denn auf der fast 100-jährigen "Heiterkeit" befindet sich ein Tonstudio - das einzige schwimmende Berlins.

1998 zog das kleine Team von "all around music.berlin" von Spandau hierher. Und wie es der Zufall wollte, lag direkt neben dem neuen Heimatsteg die damals heruntergekommene "Heiterkeit". "Wir wollten uns sowieso vergrößern und haben deshalb angefangen, den alten Dampfer um- und auszubauen", sagt der Produzent Sebastian Schreiber. Wo früher gekocht und gebacken wurde, befindet sich ein Regieraum. Neben vielen Bildschirmen blinken Lämpchen, stehen Keyboards und direkt unter einem Bullauge hat eine riesige Tastatur mit Reglern und Knöpfen ihren Platz. "Wir arbeiten nicht wie viele andere Kollegen in irgendwelchen dunklen Kellern, sondern können jederzeit den Blick nach draußen genießen", sagt Schreiber. "Und noch dazu einen nicht alltäglichen", ergänzt sein Kollege Thomas Kühn.

Auch im daneben liegenden Aufnahmeraum ist trotz dämmender Akustikmatten und verschiedener Einbauten das Schiffsflair erhalten geblieben. In einer Ecke steht sogar noch eine rotfarbene Kunstlederbank aus längst vergangenen Zeiten. Aber was passiert, wenn der Dampfer einmal schwankt? Müssen dann die Tonaufnahmen unterbrochen werden? Sebastian Schreiber winkt ab: "Das Schaukeln hält sich in Grenzen, denn die Spree hat keinen hohen Wellengang." Zudem sei die Lage sogar optimal, weil das Wasser als ideale Dämmung wirkt. "In keinem feststehenden Gebäude ist man vor Vibrationen, verursacht durch Bauarbeiten oder Verkehr, so sicher wie hier", sagt der Produzent. Auch Nachbarn können nicht vom Probebetrieb der Bands gestört werden, weil erst mehr als einen Kilometer entfernt jemand wohnt.

Das fünfköpfige Team um Bootseigentümerin Anja Naumann-Jenssen hat sich bereits einen Namen in der Musikbranche erkämpft. Auf dem Schiff werden unter anderem CDs aufgenommen, Radio-Erkennungsmelodien sowie Werbespots und Hörspiele produziert. Musiker wie Edo Zanki war schon dort, und der Schauspieler Klaus Löwitsch nahm vor kurzem ein Hörbuch auf, das Ende des Jahres auf den Markt kommen soll.

Doch die beiden Schiffe stehen nicht nur für professionelle Aufnahmen zur Verfügung. Sie können von jedermann gemietet werden. Auf der 36 Meter langen "Heiterkeit" gibt es zudem eine Bar und zwei Sonnenterrassen. Die nebenan ankernde "Frohsinn" bietet Platz für Konferenzen. Der Traum von "all around music.berlin" ist es allerdings, künftig auch an Bord der "Heiterkeit" Tonaufnahmen zu machen.

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