Treptower Park : Ein Fest für die Rote Armee

Russen, Linke und Antifaschisten feiern den Tag der Befreiung von den Nazis.

Florian Höhne

Was nach Stalinismus-Verherrlichung klingt, begann als nettes Sommerfest: Zur „Erinnerung an die Befreiung vom Faschismus durch die Rote Armee“ hatten gestern antifaschistische Initiativen eingeladen, in den Treptower Park nahe des sowjetischen Ehrenmals – und es kamen die unterschiedlichsten Leute. Manche aus politischen Gründe, andere wegen Nostalgie, Ostalgie oder Heimatliebe.

Artem Zaharov kam, weil er Russe ist – eigentlich Russlanddeutscher. Vor drei Jahren war der 34-Jährige nach Berlin gezogen. Vorher, in Dimitrowgrad, hatte er immer als Musiker an den Märschen zum 9. Mai, dem so genannten „Tag des Sieges“, teilgenommen, er vorne im Orchester, hinter ihm das Heer der Veteranen. „Ich habe den Tag in guter Erinnerung, weil die Kriegsüberlebenden sich immer so freuten“, sagt er heute. Gleich wird er seine Tochter auf der kleinen schwarzen Bühne unter dem roten 9.-Mai-Banner tanzen sehen.

Margrit Niepraschk lockte ihr Interesse für die russische Kultur und die „schönen russischen Lieder“ auf den kleinen Parkplatz im Treptower Park. Sie ist im Jahr 1945 geboren. Im Berlin der DDR war sie Russisch- und Deutschlehrerin, heute unterrichtet sie unter anderem Ethik an der Neuköllner Rütli-Schule. Viele Jugendliche wüssten heute gar nicht mehr, dass der 9. Mai der „Tag der Befreiung“ sei, beklagt die Lehrerin. Stefan, 29 Jahre alt, Student in Berlin, weiß, worum es geht. Er zieht an seiner Selbstgedrehten. „Ich bin hier wegen der Musik, der Redebeitrage und einfach zum Gedenken.“ Er will gedenken, gerade weil alle Zeitzeugen nach und nach sterben. Einige von diesen aber sind da, und werden später von ihren Erlebnissen berichten. „Egal, wie man die Sowjetunion sieht, ohne sie wäre die NS-Zeit nicht schnell zu Ende gegangen“, meint der Student. Widerstand von innen heraus habe es ja kaum gegeben. Dabei kommt auch Kritik in seinem Geschichtsbild vor: „Die Sowjetunion war ein Versuch, der relativ schnell schief gelaufen ist“, sagt er und schweigt einen Moment. „Dennoch ein Versuch, den die Zeit hervorbrachte.“ Florian Höhne

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