Berlin : Tribunal am Kleistpark

Heute vor 60 Jahren begann der Nürnberger NS-Prozess – in Berlin

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85 Seiten stark war die Anklageschrift, die am Vormittag des 18. Oktober 1945 auf dem Richtertisch des Militärgerichtshofs lag: Im Kammergerichtsgebäude am Kleistpark, in dem seit dem 8. August 1945 der Alliierte Kontrollrat saß, wurde an jenem Freitag das Strafverfahren gegen führende Nazis eröffnet. Ganz bewusst fand die Zeremonie in jenem Saal statt, in dem ein Jahr zuvor der „Volksgerichtshof“ unter Roland Freisler die Regimegegner vom Attentat auf Hitler verurteilt hatte. Nun standen die Größen des Dritten Reichs selbst vor Gericht, wenngleich sie in ihren Haftzellen in Nürnberg geblieben waren, als der sowjetische Richter Iola T. Nikitschenko die erste Sitzung des Gerichtshofs eröffnete. Nachdem die Richter ihren Amtseid geleistet hatten, überreichten die vier Hauptankläger dem Gericht die Anklageschrift gegen jene 24 NaziGrößen, die sich im Verlauf des Prozesses für vier Anklagepunkte zu verantworten hatten – Verschwörung gegen den Weltfrieden, Planung, Entfesselung und Durchführung eines Angriffskrieges, Verbrechen und Verstöße gegen das Kriegsrecht und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zugleich wurden, erstmals in der Rechtsgeschichte, sechs Organisationen angeklagt, darunter das Führerkorps der NSDAP, die SS, Gestapo, SA, der Generalstab und das Oberkommando der Wehrmacht (OKW).

Ganze 55 Minuten dauerte die erste Sitzung. Das Gericht vertagte sich. Der Hauptsitz des Tribunals blieb, vor allem auf Betreiben der sowjetischen Seite, Berlin, zumal weitere internationale Prozesse in Aussicht standen. Aber die Amerikaner erreichten, dass die Verhandlungen in Nürnberg stattfanden. Vom 20. November 1945 bis 31. August 1946 wurden an 218 Verhandlungstagen die Aussagen von 360 Zeugen ins Verfahren eingeführt. Im Nürnberger Justizgebäude waren mehr als 1000 Menschen mit dem Prozess befasst – bis am 1. Oktober 1946 die Urteile ergingen. Die zwölf Todesurteile wurden am 16. Oktober 1946 vollstreckt, die Leichen verbrannte man in einem Münchener Krematorium, ihre Asche versank in einen Nebenbach der Isar.

In das Kontrollratsgebäude zog bis 1992 die Luftsicherheitszentrale, jetzt befindet sich hier wieder das Kammergericht. Mehr über die damaligen Ereignisse zeigt eine Sonderausstellung auf dem Gelände der „Topographie des Terrors“, und heute um 20 Uhr spricht im Kinosaal vom Martin-Gropius-Bau der ehemalige Nürnberger Landgerichtspräsident Klaus Kastner zum Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess.Lo.

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