Berlin : Trinkwasserspender: Mineralwasser, frisch gepresst

Thomas Loy

Hose drei, blau-weiß-kariert mit Schlag und Daumentaschen, beult am Po, also wieder raus und rein in Hose vier, blau-weiß-kariert, aber ohne Daumentaschen, passt, sieht aber peinlich aus, also wieder raus und rein in Hose fünf, blau-weiß-kariert mit Schmuck-Druckknöpfen, kneift leider vorn... hier blenden wir uns mal aus und spulen vor an die Kassenschlange. Die ist wieder schweißtreibend lang, doch ganz vorn an der Kasseneinfriedung ist sie plötzlich greifbar, die Erfrischung, reines HâO, marineblau, fröhlich blubbernd. Einen Pappkegel gezogen, den Finger auf die schwarze Spendertaste gelegt, schon quillt "umkehrosmotisch" gefiltertes Aqua in die Hand und anschließend in den trockenen Schlund. Vivat! Es lebe der "Water-Cooler".

Verkäuferin Sylvia Koszuta greift gerne selbst mal zum Becher - im Weihnachtsgeschäft oder Schlussverkauf, wenn die Luft brennt. "Schmeckt zwar nicht so gut, aber wenn man Durst hat..." Zwei Trinkwasserspender gönnt der Kaufhof am Alexanderplatz seinen Kunden - ein kostenloser Erfrischungsservice nach amerikanischem Vorbild. In den USA stehen die Wasserzapfsäulen zu tausenden in Geschäften, Behörden und Museen herum. Die Idee ist nun über den Ozean geschwappt. Große Kaufhäuser, aber auch Supermärkte und Drogerien bieten diesen Erfrischungsservice gegen Einkaufsstress. Bei Teppich-Kibek in Spandau stehen Water-Cooler schon seit einigen Jahren. "Ein Teppichkauf dauert schon mal drei Stunden", sagt Andreas Schlarmann von der Filialleitung. "Da kann man schon mal einen trockenen Hals bekommen." Auch Karstadt an der Müllerstraße gönnt seinen Anhängern einen Erfrischungstrunk - als "nette Geste", erklärt Organisationsleiter Wilhelm Großweischede.

Bisher beließ man es bei einem Spender im Service-Center - schließlich ist so ein Gerät nicht ganz billig. Auf rund 4000 Mark im Jahr schätzt Großweischede die Kosten für Nachschub und Wartung. Das Wasser wird in Behältern zu je einer Gallone (18,9 Liter) geliefert. Es handelt sich um einfaches Leitungswasser, allerdings "frisch gepresst", und zwar durch eine Osmosemembran, die Salze und andere Stoffe bis zu 95 Prozent herausfiltert. "Reines HâO, ohne Mineralien", jubelt Beatrice Spradlin von der Firma Aquapur, die Wasserspender und Filteranlagen vertreibt. "Viele finden das toll, aber es ist ihnen einfach zu teuer."

Der Markt in Berlin entwickele sich schleppend. Behörden hätten kein Geld für solche Extras, und Filteranlagen für den Privathaushalt kosteten gleich 1600 Mark. Die Investition sei auf lange Sicht aber wesentlich günstiger, als das Teewasser durch Aktivkohlefilter sickern zu lassen. Spradlin fährt wie andere Wasserhändler auch auf der Gesundheitsschiene. Weichmacher, Blei, Kupfer, Pflanzenschutzmittel - was wurde nicht schon alles in deutschem Leitungs- oder Minderalwässern gefunden. Bei Aquapur werde alles weggefiltert - und dass Wasser ohne Mineralien nicht bekömmlich ist, gehöre ebenso ins Reich der Legenden wie die Mär, Spinat enthalte Unmengen von lebenswichtigem Eisen.

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