Berlin : Tritt auf "M" - und der Mörder pfeift

Andreas Conrad

Das Filmhaus am Potsdamer Platz gibt seine Visitenkarte ab - Eröffnung erst im SeptemberAndreas Conrad

Zuerst die gute Nachricht: Mit der "Elektrizität des Herzens", einer Lesung von Angelica Domröse und Hilmar Thate zur Retrospektive "Künstliche Menschen", fand gestern Vormittag die erste Veranstaltung der Stiftung Deutsche Kinemathek in ihrem neuen Filmhaus im Sony-Center statt. Nun die schlechte: Die Eröffnung der ständigen Ausstellung verzögert sich noch einmal um einige Monate. An sich sollte es Anfang Juni losgehen, dann eröffnet immerhin das neue Arsenal-Kino. Die Ausstellung aber, das Herz des Filmhauses, macht erst im September auf, wie Stiftungsvorstand Hans Helmut Prinzler vor der Lesung mitteilte. Die Bauarbeiten sind in Verzug geraten, und so kann die Stiftung heute zwar die Räume offiziell übernehmen, aber potenzielle Museumsbesucher müssen sich noch etwas gedulden.

Einen Eindruck gewinnt man schon jetzt. Für die Berlinale-Zeit hat die Kinemathek ein Programm zur Retrospektive zusammengestellt, mit Vorträgen, einem Roboter-Fußballspiel oder aber Lesungen wie der gestern, in der Domröse und Thate von Homunculi, von Silvestris, Nymphen und Automatenmenschen lasen, Texte von Ovid, Heinrich Heine oder auch Paul Wegener, der seinen "Golem, wie er in die Welt kam" (1920) später noch einmal als Buch vorlegte.

Der Film ist natürlich auch Thema in dem bei der Lesung vorgestellten Begleitbuch zur Retrospektive "Künstliche Menschen, manische Maschinen, kontrollierte Körper", eine reich illustrierte Textsammlung, die den Bogen von Hieronymus Bosch zu den Mutationen in "Star Wars" zieht, die Lara Croft nicht ausspart, nicht Robocop und schon gar nicht den Terminator. Selbstverständlich wird Wegeners "Golem" auch in der Multimedia-Austellung gestreift, die im ersten Stock des Filmhauses für die Dauer der Berlinale eingerichtet wurde. Der Raum wirkt auf den ersten Blick karg ausgestattet, lässt späteren Bilderreichtum nur ahnen, aber schon die gereichten Appetithappen haben es in sich. Für die Projektionen an der Rückwand, ineinander verschränkte Texte, Fotos, Filmszenen, die über Filmgeschichte und das spätere Museum informieren, muss man schon etwas Zeit und Geduld mitbringen, beides Mangelware auf einem Festival. Aber zwischen den aufgestellten Fernsehern, den hinter Vitrinenglas verborgenen Erinnerungsstücken hin- und her zu spazieren, das ist genau die richtige Dosis Verweilen in all der Festivalhektik. Ganz hinten lockt Klaus Kinskis Latexmaske aus "Nosferatu", davor drohen Skelette mit ihren Säbeln, Erinnerungen an "Jasond an the Argonauts", zu dem der Oscar-gekrönte Ray Harryhausen die Stop-Motion-Tricks lieferte. Marlenes Zigarettenetui, ein Geschenk von Josef von Sternberg, ist zu sehen, der Oscar von Emil Jannings oder eine Statue des heute weitgehend vergessenen Filmkomikers Max Linder.

Auf den Boden werden die Namen berühmter Berliner Filme projeziert, tritt man in eine Lichtschranke, so ertönen Musik, Dialogfetzen. "Die Zeit ist kaputt", raunt da Hans Albers als Münchhausen, in der Szene auf dem Mond, und wer seinen nächsten Schritt auf "M" setzt, hört das Pfeifen, mit dem der Mädchenmörder zur Tat schritt.

Auch drei Reisepässe sind ausgestellt, von Fritz Lang, Heinz Rühmann und Götz George. Wieso denn der schon? Man sollte eben genau hinsehen. Der Pass läuft auf einen gewissen Schimanski.Die Ausstellung im Filmhaus, Potsdamer Straße 2, ist zur Berlinale täglich von 11 bis 20 Uhr geöffnet. Das Buch zur Retrospektive ist im Berliner jovis-Verlag erschienen, 220 Seiten stark und kostet als Hardcover-Band 78 Mark.

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