Trödelhändler in Berlin : Der Rest des Lebens

„Nicht an Dinge hänge dein Herz“, lautet ein weiser Rat. Die Menschen halten sich meist nicht daran. Wenn sie dann sterben, bleiben Hausrat, Möbel und kleine Schätze übrig – und Trödelhändler übernehmen.

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Regal, Hauptsache weg. Auf den ersten Blick befinden sich in den grauen Metallgestellen des Auktionshauses Beier nur Alltagsgegenstände. Aber auch die haben ihren Wert.
Regal, Hauptsache weg. Auf den ersten Blick befinden sich in den grauen Metallgestellen des Auktionshauses Beier nur...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Zeug muss weg. Drei Regalmeter füllt es. Graues Metallregal. Darauf Bücher, Geschirr, Plüschtiere, Fotoalben, Utensilien des täglichen Bedarfs. Das Zeug hat mal jemandem gehört, vielleicht über Jahre, Jahrzehnte hinweg zusammengetragen. Menschen nennen so etwas ihr Leben. Das ist es jetzt nicht mehr. Nur sechs Regalmeter Lebenszeug, das weg muss.

Einmal Hausrat, sagt eine hoch aufgeschossene Dame, schwarz gekleidet, lockiges schwarzes Haar, und blickt in verschlossene Männergesichter, die sie umringen. Monika Beier hat eine schwarze Mappe mit den Posten der Auktion vor sich, auf deren Rand sie mit einem Hämmerchen schlägt. 65 Euro laute das Anfangsgebot, sagt Beier nach einem Blick in ihre Mappe. 65, wiederholt sie.

Ein Nicken.

Erster, sagt sie.

85, sagt einer der Männer.

90, sagt die Dame. Nicken... 100… 110.

Erster 110?

Die Männer kommunizieren mit den Köpfen. Jedes Nicken ist eine Erhöhung des Geldbetrags.

120… 130.

Erster 130, Zweiter.

140… 150.

Erster 150?

Zwischen dem Kram liegt eine helle Bronzeskulptur, ein Engel, Michael Fürstenau hat ihn längst entdeckt, so wird er die Szene später schildern, aber so getan, als habe er nicht. Als sei da nichts in dem Regal. Weshalb er sich auch etwas abseits positioniert hat. Er trägt einen hellgrauen Fischgrätmantel, den Hals wie eingezogen in mehrere Schals. Er ist unter den Bietern einer der Spezialisten. Nie gehe er über sein Limit, wird er später sagen. Das Höchstgebot ist eine Wette auf sein Wissen. Wer mehr bietet als er, der kennt den Wert nicht, sagt er. Wer nicht mithält, sowieso nicht. Er weiß um die Summen, die er später mit einem Objekt wird erzielen können. „Eine Eigenart meines Gehirns ist“, sagt er, „einen einmal gehörten Preis nicht mehr zu vergessen.“

Neulich hat er medizinische Schränke ersteigert. Er folgt damit einem Trend aus Frankreich. Dort werden solche Möbel abgeschmirgelt, bis das blanke Metall hervortritt, und mit Klarlack überzogen. Sie bringen dann als Designerstücke viel Geld. In Deutschland ist der Trend noch nicht angekommen. Ein Sammler wie Fürstenau hat Geduld.

Aber nun ist da dieser Bronze-Engel in dem Regal, unpoliert, grob, eine Spur zu abstrakt, um ihn schön zu finden. Er berührt Gefilde seines Wissens, die Fürstenau schon lange nicht mehr bemüht hat. Die Signatur des Künstlers, ein Prägestempel der Gießerei. Alles da, was die Nachkriegsskulptur zu einem Original macht. Fürstenau ist sich ziemlich sicher in dem Moment.

540... 550... Erster 550? Zweiter? Und verkauft. In ihrem Auktionshaus in Tempelhof schwingt Monika Beier das Hämmerchen.
540... 550... Erster 550? Zweiter? Und verkauft! In ihrem Auktionshaus in Tempelhof schwingt Monika Beier das Hämmerchen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Deshalb ist er vor der Auktion zu einem der arabischen Händler gegangen, die hier, im Auktionshaus Beier in Tempelhof, den Trödel regalmeterweise kaufen. Ein Großbieter in der Runde jener zwei Dutzend Männer, die sich jeden Dienstag mit Nachschub für ihre Flohmarktstände versorgen. Fürstenau hat dem Mann einen Festpreis für die Skulptur angeboten. Nur die Skulptur. Das hat dem Händler die Möglichkeit gegeben, für sich ein eher großzügiges Höchstgebot zu berechnen, denn die Summe für das schwere Bronzeteil war ihm ja garantiert.

160… 170… 180.

Erster 180?

Die Wohnung

Menschen kaufen Dinge. Sie besitzen Dinge. Sie umgeben sich mit ihnen, nutzen und brauchen sie. Wohnen ist ein Prozess allmählicher Gewöhnung an sie. Aber dann sterben die Menschen. Was wird aus den Dingen? Als sie das erste Mal erstanden wurden, hatten sie ein Preisschild. Doch der Wert, den sie für ihre Besitzer hatten, war davon unberührt. Jetzt ist dieser Wert verloren gegangen, ein neuer muss gefunden werden. Wie geschieht das? Und wer ist daran beteiligt?

Um herauszufinden, was von einem Menschen übrig bleibt, sucht Modesta Bauschke an einem Montagmorgen im Dezember die richtige Tür. „Nachher wollen die Leute von mir meist wissen, wie der Mensch gestorben ist“, sagt sie und angelt in einem braunen Kuvert nach dem Wohnungsschlüssel. „Aber ich weiß ja nichts über den Tod.“

Damit geht es schon mal los, mit einem Bruch der Überlieferung und verlorenem Wissen. Als das Amtsgericht Charlottenburg sich an die zierliche Rechtsanwältin wandte, um sie mit der Nachlasspflege zu beauftragen, da gab es Ludger Brommer* schon nicht mehr. Modesta Bauschke, Spezialgebiet Erbrecht, und nun vor der Tür von Brommers Wohnung darauf konzentriert, aus einem Bund unterschiedlich großer, unterschiedlich abgegriffener Schlüssel den passenden herauszufischen, tritt üblicherweise auf den Plan, wenn Dinge herrenlos geworden sind. „Sicherungsbedürftige Verwaltung des Nachlasses“ ist der Fachausdruck dafür.

Das sei nichts für schwache Nerven, sagt die Anwältin. „Man nimmt so viel auf von dem Elend des Sterbens, das ist so ... mithin ... ich bin am Anfang krank geworden“, sagt sie mit dünner Stimme und streift sich weiße Handschuhe über die gepflegten Hände. Sie trägt Sakko, Rollkragenpullover und eine Ledertasche, die Brauntöne elegant aufeinander abgestimmt.

Tief beugt sie sich zu dem ausgeblichenen Klingelschild herab. Ja, doch, Brommer, der richtige Name. Der erste Schlüssel passt nicht. Aber der vierte. Eine muffige Luftwalze empfängt Modesta Bauschke, als sie die Tür aufdrückt. Wenn der Erblasser in seiner Wohnung verstorben sei, sagt sie, hänge ihr der Leichengeruch noch lange in den Kleidern. Ludger Brommer wurde von einem Notarzt abgeholt und starb vor ein paar Wochen im Krankenhaus. Erben unbekannt. Seither ist seine Wohnung verwaist.

Deshalb ist jetzt Modesta Bauschke vor Ort. Sie versuche, auf ihrem Rundgang durch die verlassenen Räume, den Erblasser zu verstehen. Sie spreche mit der Wohnung: „Erzähl mir was von dir. Sag mir, wo du das Wichtige aufbewahrst.“

Bleibende Werte. Silbermünzen aus dem Nachlass von Ludger Brommer werden in Augenschein genommen.
Bleibende Werte. Silbermünzen aus dem Nachlass von Ludger Brommer werden in Augenschein genommen.Foto: Kai Müller

Brommer, Jahrgang 1950, war auf seinen Tod nicht vorbereitet, oder er wartete schon viel zu lange. Sein Leben zerfiel, bevor es zu Ende ging. In der Wohnung findet Bauschke in jedem Zimmer Umzugskartons, übereinander gestapelt. Brommer hat sich nicht mehr die Mühe gemacht, sie auszuräumen, nachdem er möglicherweise aus einem Haus oder einer größeren Wohnung hierher gezogen war. Es war seine Eigentumswohnung und Kapitalanlage. Die Wände sind kahl geblieben. Briefe, meist von Behörden, liegen stapelweise zwischen Büchern, DVDs und eingeschweißten Oberhemden im Regal. In diversen Schubladen finden sich Armbanduhren, drei Paar Herrenschuhe stehen unter dem Telefonschränkchen im Flur. Hemden und Jacken hängen ohne erkennbare Ordnung an einer Kleiderstange neben der Wohnungstür. Nur fünf abgegriffene Teddybären hatten in Brommers Leben einen Platz: Liebevoll aufgereiht auf einem Sofa. Es fehlt: ein Bett.

"Ich freue mich, Sachen für die Erben zu finden"

Ludger Brommer war zuletzt ein Pflegefall. Das hieß: Er bewegte sich von dem Schlafsofa offenbar nicht mehr fort, vor dem drei Fernseher unterschiedlichen Alters aufgebaut sind und dessen buntes Bettzeug den stillen Mittelpunkt der Wohnung bildet. Auf dem schweren Marmortisch davor liegt zwischen Programmzeitschriften die umgestürzte Porträtaufnahme einer Frau in ausgeblichenen Farben und Goldrahmen. Offenbar Brommers Mutter. Es ist der einzige sichtbare Hinweis auf einen anderen Menschen im Leben des Verstorbenen.

Einsamkeit ist ein weit verbreitetes Berliner Altenschicksal. Bei jedem achten Todesfall ordnet das zuständige Amtsgericht eine sogenannte Nachlasspflegschaft an. 3940 Fälle waren das 2014. Es ist ein kleiner Kreis Auserwählter, die von den Amtsgerichten als Nachlasspfleger eingesetzt werden, weil die Verstorbenen keinen Kontakt mehr zur Familie hatten, Angehörige zunächst nicht ausfindig zu machen sind und auch keine Erben per Testament benannt wurden. Meist nimmt zunächst die Polizei die verwaisten Wohnungen in Augenschein. Das Wasser wird abgedreht, in Unterlagen nach Personen gesucht, die benachrichtigt werden müssten, und die Zugangstür verplombt. Manche der Beamten würden Akten anlegen, in denen alles Nötige zu finden sei, das mache es ihr einfacher, sagt Bauschke. „Ich möchte es für den Toten schön abschließen und freue mich, Sachen für die Erben zu finden.“

In deren Namen verrichtet Bauschke ihren Job. Nicht so schön ist ein Nachlass, ohne dass Erben ermittelt werden können. Und noch weniger schön: wenn der Tote an Werten zu wenig hinterlässt, um Aufträge für Räumung, Reinigung und Renovierung erteilen zu können. Denn das Procedere soll kostenneutral abgewickelt werden. Viele Nachlassverfahren scheitern deshalb schlicht am Geld. Wenn keines da ist, würde Bauschkes Vergütung der Staat übernehmen, was sie beantragen müsste. Die Habe des Toten fällt dann oft dem Vermieter zu. Der sieht darin üblicherweise Müll, der bloß Mietausfälle verursacht.

Rosenthaler Porzellan, ein edler Füller, Schweizer Uhren

Kontoauszüge würden ihr alles Wissenswerte über eine Person erzählen, meint die Nachlasspflegerin. Die Pflichten eines Menschen verraten ihn stärker als seine Güter. Aber so genau hat Herr Brommer nicht Buch geführt. Darum muss Modesta Bauschke jetzt durch Stöbern herausfinden, welche Werte er noch hinterlassen hat, nachdem das Sozialamt bereits wegen der Pflegehilfe zu Lebzeiten Brommers eine Sicherungshypothek auf dessen Eigentumswohnung hat eintragen lassen. Im Wäscheschrank wird sie fündig. Das klassische Versteck. Zwischen Laken entdeckt Bauschke eine Sammlung von Münzen. „Das hätte dem Sozialamt angezeigt werden müssen.“

Weil sie jedoch den Wert solcher Münzen sowie des Inventars nicht einzuschätzen vermag, bittet sie beim zweiten Besuch in Brommers Wohnung einen Fachmann hinzu. Roger Mirr ist Nachlassverwerter. So steht es auf seiner Visitenkarte. Der Unterschied zwischen Mirr und einem Trödelhändler ist der, dass Mirr seinen Aufwand in Stundensätzen abrechnet. Vom Erlös des Nachlasses erhält er zusätzliche sechs Prozent.

Er legt die Münzen im Licht des Küchenfensters aus. Ja, interessant, grummelt er, und schätzt die Sammlung an Edeltalern auf 8000 Euro. Aber da auch seltene Silberstücke mit der Prägung „Römisches Reich“ darunter sind, könnten sie für Sammler einen weitaus höheren Wert besitzen. Bei Auktionen wisse man das nie so genau, da würden durch Bieterduelle zuweilen Ergebnisse „fern jeder Realität“ erzielt.

„Herr Brommer hätte das nicht haben dürfen“, sagt Modesta Bauschke. Denn Brommers Schatz geht weit über die 2600 Euro Schonvermögen hinaus, die einem Sozialhilfeempfänger zugestanden werden. Das Rosenthaler Porzellan, Maria Weiß, in einem Glasschrank kommt noch dazu. „Mindestgebot 120 Euro“, sagt Mirr. Ebenso der Montblanc-Füllfederhalter, originalverpackt mit Rechnungsbeleg über 500 D-Mark. Bei den Schweizer Uhren aus der Schublade im Flur ist Mirr unsicher. Er müsse die Deckplatte mit einem Spezialschlüssel aufstemmen, um das Uhrwerk zu begutachten.

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