Berlin : Trommeln für Ronaldo

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So wünschten wir uns den Dax: eine Fieberkurve mit heftigen Ausschlägen, mit Phasen relativer Ruhe, doch mit deutlich steigender Tendenz. Das Ziel: ein weiterer Stern. Vier hat Léo Goncalves schon auf seinem Brasilien-Trikot, winzige gestickte Orden, die an frühere brasilianische Weltmeisterschaftstitel erinnern. Doch wenngleich es in der ersten Halbzeit spürbar aufwärts geht mit seinen elf Jungens dort in Japan, zufrieden ist der Brasilianer, der in Kreuzberg Musik unterrichtet, noch lange nicht. „Keine Tore.“

Kurz nach dem Seitenwechsel ist dies schon wieder Makulatur, und ein ohrenbetäubendes Jauchzen schallt durch das brasilianische Lokal „Muvoca“ an der Gneisenaustraße 2a, dort wo einst die Besetzerkneipe „Ex“ war. Ronaldo hat es geschafft, und nun ist zwischen dem Hexenkessel von Saitama und dem im Erdgeschoss des Mehringhofes kaum mehr zu unterscheiden. Die Ebenen der Wahrnehmung verschmelzen, die Samba-Combos dort auf dem Riesenbildschirm und die trommelnden Fans in der völlig überfüllten Kneipe. 200 Leute hatte Bianca vom Brasilianischen Kulturinstitut erwartet, die nun wohl auch irgendwo in der jubelnden Menge steckt. Gut das Doppelte kommt eher hin, und die Luft ähnelt immer mehr der am Amazonas. Unmöglich, hier umzukippen, und die Idee, zwischendurch mal rauszuhuschen, sollte man ganz schnell fallen lassen. Doch, doch, auch die Deutschen sind zahlreich vertreten, vielleicht sogar in der Überzahl, aber geprägt wird die Szene doch von Gelb und Grün, als Fußballtrikot, in Fahnenform, und wahrscheinlich hat sich der eine oder andere in der Tiefe des Raums wieder das Gesicht vollgemalt, aber wie soll man das, bei so eingegrenztem Blickfeld, denn feststellen?

Ein emotionales Spiel hatte der Fernsehkommentator vorausgesagt. Gefühlvoll war es schon vor dem Anpfiff, und wer konnte, sang die brasilianische Nationalhymne lauthals mit. Als dann die Gelbgrünen ins Stadion liefen, ratterten im Kreuzberger Hinterhof die Trommeln los, wurde gejohlt und gejubelt. Nicht, dass es danach parteiisch zugegangen wäre, auch die Türken wurden schon mal beklatscht. Nach den ersten 20 Minuten ist dann die Gelassenheit endgültig dahin, „Brasil“, rufen sie im Chor, klatschen im Takt, „Brasil“, das scheint zu wirken, die brenzligen Situationen im türkischen Strafraum jagen einander, und dann „Toooor“ in der 36. Minute, na gut, etwas voreilig: daneben. So euphorisch ging es weiter, tosende Anfeuerung, wenn ein Brasilianer groß auf der Leinwand erscheint. Zuletzt dann Jubel, Begeisterung, Überschwang, hinterher Tanz auf der Straße. Und Léo braucht nun vielleicht tatsächlich ein neues Trikot. Oder, Olli? ac/weso

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