Berlin : Tropische Gewässer

Die Folgen der Hitze: Karibische Temperaturen im Tegeler See, Quallen im Wannsee. Die Fische haben noch genügend Luft

Christian van Lessen

Berlin liegt in der Karibik: Nun tummeln sich schon Quallen im Wannsee und der Havel. „Ein Wunder“, nennt das Wasserkundlerin Dagmar Olbrich. Die harmlosen Tiere zeigen, dass sich die Natur auf hohe Temperaturen einstellt. In den Badeseen machen sich neben Algen ungewöhnlich viele Schlinggewächse breit, Havel und Spree fließen dreimal so langsam wie sonst. Der Landwehrkanal ist fast zum stehenden Gewässer geworden. Die langandauernde Hitze ist Flüssen, Seen und Kanälen deutlich anzumerken.

Am Tegeler See, dem tiefsten der Stadt, wurden gestern karibische 28 Grad an der Oberfläche gemessen, in 14 Meter Tiefe waren es noch neun Grad. „Das sind extrem hohe Temperaturen“, sagt Dagmar Olbrich vom Gewässerschutz der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Vor allem die Blaualgen beginnen zu blühen. Die 42 ausgewiesenen Badestellen werden ständig kontrolliert. Badeverbote – wie vereinzelt in Niedersachsen – sind bislang nicht verhängt.

Die Gewässer seien mit Sauerstoff ausreichend versorgt, heißt es. Die Pflanzen produzierten ihn bei ausreichend viel Sonnenlicht, so dass es nichts schade, wenn er nachts wieder aufgebraucht wird. „Den Fischen geht’s noch gut.“ Aber bei den nächsten heftigen Niederschlägen, wie zuletzt beim Starkregen am 7./8. Juli, könnte es vor allem im innerstädtischen Bereich zum großen Fischsterben kommen. Damals wurden hunderte Tonnen Fische tot aus dem Wasser geholt. Dies drohe wieder, wenn die Speicher der Schmutzwasserkanalisation überliefen und ungeklärtes Wasser in die Kanäle fließe. „Als Fisch würde ich nicht im Landwehrkanal schwimmen“, sagt die Expertin. Vorsorglich bläst das Belüftungsschiff „Rudolf Kloos“ auch im Neuköllner Schifffahrtskanal Plötzen, Aalen und Barschen Luft zu. Die wuchernden Unterwasserpflanzen in etlichen Badeseen sind nach Ansicht des Gewässerschutzes harmlos und ein Zeichen, dass sich die Wasserqualität sogar verbessert hat. Das gelte auch für die Neuberliner Süßwasserquallen. Im klaren, warmen Wasser fühlten sie sich wohl, fänden genügend Nahrung, sagt Dagmar Olbrich über die überraschend aufgetauchten Tiere. „Wir mussten erst alle etwas über Quallen lernen.“ Schon im heißen Sommer 2003 seien die ersten in der Havel aufgefallen.

Offenbar ist das Wasser nicht überall so klar. Roswitha Kröger vom Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technischen Sicherheit (Lagetsi) hat ermittelt, dass in den meisten Gewässern die Sichttiefe von einem Meter nicht mehr möglich ist. Bei Schmöckwitz seien es gar nur 40 Zentimeter, am Müggel- Oranke- und Weißen See aber immerhin ein Meter. Heute werden viele Gewässer neu gesichtet, etwa der Schlachtensee. Sein letzter Wert lag bei über drei Metern. Gewässer- und Gesundheitsschutz sind sich einig, dass ein normaler Regen gut täte. Ein Starkregen aber würde durch Zuflüsse die Gewässer belasten.

Die Sorge vor einem heftigen, andauernden Regenfall kann Meteorologe Hans-Joachim Knußmann von MeteoXpress derzeit fast ausräumen. Ab Freitagabend bis ins Wochenende „vielleicht hier und da Gewitter mit Regen, aber örtlich sehr begrenzt“.

Infos über die Badequalität unter www.badegewaesser.berlin.de

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