Berlin : Trotz Alarmmeldungen halten Hygiene-Experten Berlins Hotelbetten für unbedenklich

Stephan Wiehler

Sie bevorzugen ein feucht-warmes Klima und menschliche Nähe. Wo man sich bettet, dort schlummern sie schon, die Hausstaubmilben. Auf ihrem Speiseplan stehen menschliche Schuppen und Hautpartikel. Wählerisch sind die mikroskopisch kleinen Tierchen nicht. In der heimischen Matratze richten sie sich ebenso behaglich ein wie im frischbezogenen Bett eines Luxushotels. Wenn sich Touristen und Geschäftsreisende zur Nachtruhe in Berliner Hotels betten, sind sie deshalb nie allein.

Im Auftrag des Nachrichtenmagazins "Focus" gingen Hygiene-Experten des Lefo-Instituts auf Spurensuche in zehn Berliner Hotels. Bei ihren Untersuchungen von Matratzen, Bettauflagen und Kopfkissen stellten sie die organischen Hinterlassenschaften von Touristen aus aller Welt sicher, saugten Staubpartikel auf, errechneten die Bakteriendichte und den Milben- und Pilzbefall. "Unsere Stichproben ergaben in einigen Hotels erhebliche Mängel", ließ der Leiter des Lefo-Instituts, Gerhard Wichmann, die Leser des Magazins wissen.

60 bis 70 Menschen nächtigen pro Jahr in einem durchschnittlich belegten Hotelbett. Sie hinterlassen Hautschorf und Schuppen, Schweiß, Tränen und andere Flüssigkeiten - ein idealer Nährboden für Bakterien und Milben. "Hier entsteht eine Keimmischung, die ein erheblich höheres Erkrankungspotenzial als zu Hause darstellt", erklärt Hygiene-Fachmann Wichmann, der sogar die Übertragung von Krätzemilben und Läusen in Berliner Hotelbetten für möglich hält.

"Der sollte sich lieber Wichtigmann nennen", sagt dagegen Helmut Hahn, Professor für medizinische Mikrobiologie am Benjamin-Franklin-Klinikum der Freien Universität Berlin. Anders als die Lefa-Tester hält Hahn die Ergebnisse der Studie nicht für "erschreckend", sondern für "Effekthascherei". "Das ist reine Volksverdummung. Was die Tester herausgefunden haben, ist unappetitlich, aber nicht krankheitserregend. Ich schlafe oft in Hotels und habe mir dort nie Läuse geholt."

Auch die Gefahr der Übertragung von ansteckenden Krankheiten hält der Mikrobiologe für gering. "Die meisten Infektionskrankheiten werden von Mensch zu Mensch übertragen". Solange man alleine schlafe, bestehe daher kaum ein Risiko. Zudem seien die meisten Mikroorganismen für den Menschen harmlos. Keimfreie Hotelbetten kann es nach Meinung Hahns nicht geben. "Bakterien gehören zum Leben. Sie stimulieren unser Immunsystem." Es sei gefährlicher, in einer keimfreien Umgebung zu leben.

Auch Martin Mielke, Leiter der Abteilung für angewandte Infektionshygiene am Robert-Koch-Institut, nennt die Studie "effekthascherisch". Dass sich ein Gast in einem Luxushotel mit der "Armutkrankheit" Krätze anstecke, sei "wenig wahrscheinlich". Es sei vielmehr "ein gutes Zeichen, dass die Tester gefährlichere Pilze oder Koli-Bakterien kaum gefunden haben".

"Ein aseptisches Bett gibt es nicht", sagt Christian Berghausen, Direktor des Hotels Astoria in Charlottenburg. Seit vergangenem Jahr liegen seine Gäste auf Matratzen, aus denen ihnen Milben nicht mehr auf den Leib rücken können, besonders wichtig sei dies für jene, die allergisch auf Hausstaubmilben reagieren. Die regelmäßige Reinigung von Matratzen sei nach wie vor ein Problem, räumt Berghausen ein. "Die Desinfektion von Matratzen ist für Beherbergungsbetriebe nicht möglich. Es gibt keine mobilen Matratzen-Autoklaven und die Krankenanstalten erlauben Betriebsfremden nicht die Nutzung ihrer hauseigenen Einrichtungen."

Matratzen würden in regelmäßigen Abständen ausgetauscht, erklärt Cristina Aue vom Hotel Ambassador. Unter ihren Gästen macht die Direktorin überdies eine starke Tendenz aus, die Umwelt zu schonen. "Viele Gäste wünschen ausdrücklich, dass wir ihre Bettwäsche nicht jeden Tag wechseln."

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