Berlin : Trotz Arbeit arm

Jeder achte Einwohner in Deutschland ist von Armut bedroht. Das trifft auch viele, die einen Job haben

Sigrid Kneist

Sie arbeiten Vollzeit und verdienen gerade einmal zwischen 572 und 671 Euro monatlich. Mit diesem Gehalt liegen junge, ungelernte Angestellte in der Bekleidungsindustrie bei den Tariflöhnen in Berlin ganz hinten. Arbeitslosigkeit ist zwar eine der Hauptursachen für Armut, aber auch viele Menschen, die voll berufstätig sind, sind von Armut bedroht oder gelten als arm. Bundesweit ist – wie berichtet – nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes jeder achte Einwohner in Deutschland von Armut bedroht; er muss also mit weniger als 60 Prozent des bundesweiten mittleren Einkommens in Höhe von 1427 Euro netto im Monat auskommen. Das bedeutet, knapp 13 Prozent der Menschen haben keine 856 Euro monatlich zur Verfügung.

Genaue Zahlen gibt es für Berlin nicht; man muss aber davon ausgehen, dass der Anteil in Berlin bedeutend höher ist. Bereits das durchschnittliche monatliche Einkommen liegt hier niedriger, nämlich bei 1200 Euro. Und 17,6 Prozent der Berliner haben laut Angaben des Statistischen Landesamtes nicht einmal die Hälfte davon. Auswirkungen hat das vor allem für Kinder. Ein Drittel der Minderjährigen in der Stadt lebt in Armut.

Wie viele Menschen in Berlin trotz Arbeit am Existenzminimum leben, ist statistisch nicht erfasst.Aber 65 000 Personen erhalten nach Angaben des DGB in Berlin zusätzlich zu ihrem Lohn oder Gehalt Leistungen nach Hartz IV. Roswitha Steinbrenner, Sprecherin der Arbeitsverwaltung, geht jedoch davon aus, dass die Zahl derer, die einen Anspruch auf ergänzende Leistungen haben, höher ist. Viele Menschen scheuten sich davor, zum Job-Center zu gehen und dort ihre Lebensverhältnisse offenzulegen.

Der Hartz-IV-Satz bei einem Single liegt bei 345 Euro plus bis zu 360 Euro für die Warmmiete; ein Paar erhält 656 Euro ALG II und maximal 444 Euro für die Wohnung. Viele Beschäftigte in Niedriglohnbranchen erreichen dieses Einkommensniveau nur knapp oder überschreiten es lediglich geringfügig. In knapp 100 Branchen in Berlin und Brandenburg gibt es etwa Tarifverträge mit Brutto-Einkommen unter 1400 Euro. Zu den klassischen Niedriglohn-Branchen zählen beispielsweise der Wachschutz, das Speditionswesen und das Friseurhandwerk. Und durch die Zersplitterung von Vollzeitstellen in Teilzeitstellen und Mini-Jobs können auch viele Beschäftigte im Einzelhandel von ihrer Arbeit nicht mehr leben.

„Die Forderung nach einem Mindestlohn ist nur berechtigt“, sagt Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner. Arbeit müsse existenzsichernd sein. Die Linkspartei/PDS tritt deswegen für einen gesetzlichen Mindestlohn von acht Euro ein. „Wir brauchen ein Sicherheitsnetz nach unten“, sagt Dieter Scholz, DGB-Vorsitzender von Berlin und Brandenburg. Auch die Gewerkschaften fordern einen Mindestlohn. Das allein reiche aber nicht aus, sagt Scholz. „Es geht auch um Verteilungsgerechtigkeit und in diesem Land wird falsch verteilt.“ Sigrid Kneist

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