Berlin : Trotz Kita sprechen türkische Kinder zu schlecht Deutsch

21 000 Berliner Erstklässler untersucht: Migranten haben deutlich weniger Bildungschancen

Susanne Vieth-Entus

Die Berliner Erzieherinnen schaffen es nicht, Migrantenkindern ausreichend Deutschkenntnisse zu vermitteln. Selbst nach mehr als zwei Kitajahren sprechen noch zehn Prozent der türkischen Kinder kaum Deutsch und weitere 34 Prozent nur fehlerhaft. Dies ist ein Ergebnis des am Freitag von der Gesundheitsverwaltung veröffentlichten Berichts zur gesundheitlichen und sozialen Lage von 21 000 Berliner Erstklässlern.

Für den Bericht wurden nicht nur Sprachkenntnisse, sondern auch Übergewicht, Fernsehkonsum und Gesundheitsvorsorge abgefragt. In fast allen Kategorien haben türkische Kinder die größten Probleme, was wohl damit zusammenhängt, dass sie zu 70 Prozent aus der sozialen Unterschicht kommen: Unter ihnen sind 23 Prozent zu dick (deutsche: 10 Prozent), 64 Prozent sehen über eine Stunde pro Tag fern (deutsche Kinder: 31 Prozent) und nur 72 Prozent haben gut versorgte Zähne (deutsche: 87 Prozent).

Nachteilig auf die schulische Zukunft wirken sich nicht nur die schlechten Sprachkenntnisse der türkischen Kinder aus. Sie haben auch motorische Defizite, die das Fortkommen behindern: Laut Bericht gibt es diese „auffälligen Befunde“ bei 25 Prozent der deutschen, aber bei über 40 Prozent der türkischen Kinder. Berlinweit hat damit jedes dritte Kind in diesem Bereich so große Probleme, dass es „Mühe haben wird, den schulischen Anforderungen gerecht zu werden“, prognostizieren die Fachleute.

Die Daten wurden unter den Kindern erhoben, die im Jahr 2004 schulpflichtig wurden. Seither wurde einiges getan, um die Lage zu verbessern. So wurde für die Kitas ein verbindliches Bildungsprogramm vorgelegt, es wurden tausende Erzieherinnen fortgebildet, und es gibt jetzt Lerntagebücher, in denen die Fortschritte der Kinder vermerkt werden sollen. Noch greifen diese Reformen aber nicht: Bei den aktuellen Sprachtests der Erstklässler, die im August 2006 zur Schule kommen, wurden wiederum 56,5 Prozent der Migrantenkinder große Sprachdefizite bescheinigt. Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) sagte gestern, alle Maßnahmen der Prävention und Intervention müssten auf das jeweilige soziale Milieu und die Zielgruppen ausgerichtet werden. Der reformierte Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) spiele dabei eine besonders große Rolle.

Ob der ÖGD aber in der Lage sein wird, diese Rolle künftig noch auszufüllen – daran hat die Opposition große Zweifel. Elfi Jantzen, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, erinnerte gestern daran, dass im ÖGD in den kommenden Jahren bis zu 40 Millionen Euro gespart werden sollen. Der von Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) durchgesetzte Personalabbau führt nach Informationen des Tagesspiegels schon jetzt dazu, dass frei werdende Stellen von Kinderärzten nicht besetzt werden. Die Ärzte aber sollen sich um Problemkinder kümmern, Kita-Reihenuntersuchungen begleiten und Besuche bei Neugeborenen abstatten, um Verwahrlosung vorzubeugen. „Der Senat macht die Kinder krank“, befürchtet deshalb Jantzen. Sie verwies auf die Zunahme der Erstklässler, die in den psychiatrischen Kliniken oder bei Kinderärzten landen. Der Senat müsse Risikokinder angemessen fördern.

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