Berlin : Trotz Spreelage: Kreuzberger Brache lässt Investoren kalt

Ufer an der Oberbaumbrücke soll bebaut werden. Aber Geldgebern ist der Mietspiegel zu niedrig

Christian van Lessen

„Ich dachte schon, dass es endlich losgeht“, sagt Abdullah Baybogan. Arbeiter säuberten kürzlich das Gelände, transportierten Müll ab. Es sah aus, als ob der seit Jahren angekündigte Bau der „Neuen Spreespeicher“ zwischen der Schlesischen, der Cuvrystraße und der Spree vorbereitet wird.

Das freie Areal in Sichtweite der Oberbaumbrücke ist von bizarrer, faszinierender Hässlichkeit. Es wird von drei düsteren Brandwänden eines Gewerbehofes begrenzt, wirkt wie eine Steppe. In einem Krater hat sich ein See gebildet, Schilf wächst. Abdullah Baybogan beobachtet das Gelände seit elf Jahren. Er verkauft gegenüber Tabak, Zeitschriften und Gebäck. Durchs Schaufenster sieht er den Zaun und das Bauschild der IVG-Immobiliengesellschaft. Hin und wieder stellen Arbeiter ein neues auf, wenn das alte beschmiert ist.

Nun steht wieder eines da, ganz unbefleckt. Zu sehen sind zwei Gebäuderiegel, die wie eine große Wäscheklammer aussehen. „Hier entstehen 30 000 Quadratmeter beste Spreelage, Office Lofts ab 250 Quadratmeter, Ladenflächen ab 100 Quadratmeter.“ Neben Büroflächen soll es Platz für Gastronomie und „kleinteiligen Einzelhandel“ geben, gruppiert um einen attraktiven Innenhof.

Das sieht auf dem Schild eindrucksvoll aus – und könnte die Kreuzberger Antwort auf das gegenüberliegende Friedrichshainer Ufer sein, wo sich auch das Musikunternehmen Universal niedergelassen hat. Das Kreuzberger Ufer gehört zum Fördergebiet „Stadtumbau West“, soll mit rund drei Millionen Euro unterstützt werden. Noch liegt viel Potenzial brach – auch an der Cuvrystraße.

Von einem Eröffnungstermin verrät das Bauschild nichts. Denn das Bauvorhaben ist, wie Thomas Rücker von der Entwicklungsgesellschaft Tercon aus Bonn bedauernd mitteilt, „derzeit nicht realisierbar“. Man suche einen Nutzer, wolle nicht spekulativ ein leeres Gebäude entwickeln. Auch seien die Mieten in Kreuzberg noch zu gering, als dass sich der Bau lohne. An den Verkauf des Grundstücks sei nicht gedacht. Man erwarte auch, dass sich das Gebiet entwickeln und beispielsweise von der geplanten Anschutzhalle am gegenüberliegenden Spree-Ufer profitieren könne.

Große Erwartungen gab es schon vor 15 Jahren. Damals hatte die Firma Botag das Grundstück gekauft, um das „Cuvry-Center“ zu errichten, ein Einzelhandelszentrum. Es gab Konflikte mit ansässigem Gewerbe, den Anwohnern, mit dem Bezirk. Das nächste Konzept hieß „Neue Spreespeicher – Cuvryhof“, sah eine Mischung aus alter Speicher- und moderner Architektur vor. Vor drei Jahren sollte das 75-Millionen-Euro-Projekt fertig sein. Aber einer der wichtigsten Investoren sprang ab.

Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) ist sicher, dass sich die Gegend auch so gut entwickelt. Aber dass sich „eine große Brache der Urbanität entzieht“, ärgert ihn. Er wolle mit den Eigentümern über Zwischennutzungen sprechen. Man könne das Areal vielleicht an Künstler verpachten, ein Kulturzelt aufstellen. Abdullah Baybogan, der Tabak- und Zeitschriftenhändler, stellt sich einen richtigen Markt vor, vielleicht auch einen Flohmarkt. „So was fehlt in der Umgebung.“

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