Tschernobyl : Die Stille nach dem Störfall

Die Ereignisse in Japan haben der Wanderausstellung „25 Jahre nach Tschernobyl“ eine erschreckend aktuelle Dimension verliehen. Die Schau ist noch bis Freitag in Köpenick zu sehen.

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Seit 2003 bereist der Fotograf Rüdiger Lubricht die Ukraine und Weißrussland auf den Spuren der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Die folgenden Aufnahmen aus der verlassenen Stadt Pripjat, in der vor dem Super-Gau 45.000 Menschen gelebt haben, stammen aus dem Bildband "Verlorene Orte. Gebrochene Biographien", der beim Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk erschienen ist. Wohnblocks in Pripjat vor der stillgelegten AKW-Anlage, 2005.Alle Bilder anzeigen
Foto: Rüdiger Lubricht
26.04.2013 08:43Seit 2003 bereist der Fotograf Rüdiger Lubricht die Ukraine und Weißrussland auf den Spuren der Atomkatastrophe von Tschernobyl....

Eigentlich sollte die Ausstellung ein Vierteljahrhundert nach dem Super-GAU vor allem die Erinnerungen an das atomare Unglück in Tschernobyl wachhalten helfen. Doch die Ereignisse im japanischen Fukushima haben der Wanderausstellung „25 Jahre nach Tschernobyl. Menschen – Orte – Solidarität“ eine erschreckend aktuelle Dimension verliehen. Bis Freitag zeigt die vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund organisierte Ausstellung in Köpenick verstörende Fotografien des Tschernobyl-Langzeitbeobachters Rüdiger Lubricht, sie dokumentiert anhand von Zeitzeugenberichten die Folgen der nuklearen Havarie vom 26. April 1986 für die Bevölkerung und informiert über die gegenwärtige Situation in den kontaminierten Sperrgebieten.

Außerdem besteht die Möglichkeit, mit einem der ehemaligen Liquidatoren, dem weißrussischen Diplom-Ingenieur Wladimir Sedjnow, zu sprechen. Hunderttausende Hilfskräfte wie er waren unter anderem zur Evakuierung der Städte und Dörfer eingesetzt, mussten den brennenden Reaktor zuschütten oder Schutt wegräumen. Viele der Helfer gingen höchste gesundheitliche Risiken ein: Sie räumten mit bloßen Händen verstrahlten Schutt weg und wurden dort eingesetzt, wo Roboter wegen zu hoher Radioaktivität nicht mehr funktionierten – die Reaktorexplosion hatte drei- bis vierhundert Mal mehr Radioaktivität freigesetzt als der Atombombenabwurf auf Hiroshima.

Der zweifache Familienvater Sedjnow wurde etwa vier Monate nach der Katastrophe nach Tschernobyl gerufen und war in unmittelbarer Nähe des zerstörten Reaktorblocks für einen Monat als Schichtleiter für die Wärmeversorgung und unterirdische Rohrleitungen eingesetzt. „Immer wenn das Strahlenmessgerät piepste, bekamen wir Gutscheine zum Wechsel der ‚schmutzigen‘ Kleidung“, erzählt Sedjnow. Der 54-Jährige ist Invalide zweiten Grades und arbeitet heute in einem Minsker Wärmekraftwerk. Die meisten Liquidatoren, die überlebt haben, leiden an chronischen Krankheiten. Viele andere sind gestorben, doch offiziell wurden nur 31 dieser Todesfälle als direkte Folge der Havarie anerkannt.

Lubricht, dessen Bildband „Verlorene Orte – Gebrochene Biografien“ (20 Euro) parallel zur Ausstellung erscheint, war seit 2003 sechs Mal in den kontaminierten Zonen und fotografierte dort verlassene Dörfer und Städte, die durch radioaktiv verseuchten Niederschlag unbewohnbar geworden sind. Der 63-Jährige hat viele Menschen getroffen, die nach der Zwangsevakuierung dennoch dorthin zurückgekehrt sind. Die Rückkehrer sind jedoch nicht die Einzigen, die im Schatten der Ereignisse vom April 1986 leben: Rund fünf Millionen Menschen sollen in Gebieten wohnen, die durch das Reaktorunglück von Tschernobyl noch immer radioaktiv belastet sind.

Aula des Schulamts Köpenick, Freiheit 15, bis 8. April, So 11–16 Uhr, Mo–Do 10–18 Uhr, Fr 10–12 Uhr, Eintritt frei. Infos unter Tel. 655 75 61 oder auf www.ibb-d.de.

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