Berlin : Tue Schlechtes und schweige darüber

Wie die Katholische Kirche mit Sparplänen die Gläubigen verprellt – und wie eine Gemeinde in Reinickendorf jetzt Widerstand leistet

Claudia Keller

Wie die Leitung des Erzbistums mit Pfarrern und Gläubigen umgeht, könnte in einem Managerhandbuch stehen – als Negativbeispiel im Kapitel: Wie verprelle ich nachhaltig Mitarbeiter und Kunden? Nehmen wir die Gemeinde Allerheiligen in Borsigwalde, in Reinickendorf. Dort sagt Pater Schäfer mittlerweile: „Eine Pleite kann man beheben, aber Vertrauen, das gänzlich verloren ist, wieder aufzubauen, ist sehr, sehr schwer.“ Dass die Auflösung seiner Gemeinde und die Fusion mit St. Bernhard in Tegel-Süd einfach von oben angeordnet wurde, ohne mit den Betroffenen zu reden, das regt die Borsigwalder derart auf, dass sie sich den Plänen widersetzen und eigene Wege gehen. Eine junge Frau, die an der Kirche vor allem wegen des Glockenspiels hängt, hat mittlerweile 800 Stimmen gegen die Fusion gesammelt. Auch der Gemüsehändler und der Bäcker um die Ecke sammeln, und sogar der örtliche Fußballverein hat Listen ausgelegt. Der Kirchenvorstand hat dem Erzbischof geschrieben, auch die CDU-Bürgermeisterin Marlies Wanjura und der CDU-Bundestagsabgeordnete Roland Gewalt haben in einem Brief betont, wie wichtig die Kirche für den Borsigwalder Kiez ist. Geantwortet hat niemand. Es ist auch niemand vorbeigekommen, um den Beschluss zu erklären.

Jetzt war Pfarrversammlung. Von den 850 Gemeindemitgliedern sind über hundert gekommen, darunter viele junge. Viele können die Beschlüsse der Kirchenleitung nicht fassen: „Unsere Kirche? Die sonntags immer voll ist? Das kann nicht sein.“ Ja, doch: Kirche und Pfarrhaus in Allerheiligen sollen aufgegeben, die Mitarbeiter entlassen werden, erklärt Kirchenvorstand Alfons Hentschel, so stand es in dem Brief, der Ende Juni im Briefkasten lag. Pater Schäfer ist schon gekündigt. Er leitet die Gemeinde seit 32 Jahren. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, jetzt kann er gehen“, sagt er mit Tränen in den Augen. „Roma locuta, causa finita“ – Rom hat gesprochen, der Fall ist entschieden. „Das ist die Demokratie in der katholischen Kirche.“

Hätte man mit ihm gesprochen, hätte man erfahren, dass die Borsigwalder gar nicht grundsätzlich gegen Fusionen und Kürzungen sind, nur nicht mit St. Bernhard zusammengehen wollen. Aber zum Beispiel mit St. Josef, einer anderen Nachbargemeinde, weil man die Leute dort kenne, weil auch St. Josef wie Allerheiligen von Priestern aus dem Herz-Jesu-Orden geleitet wird. Was wird aus Chor und Liturgiekreis, dem Besuchsdienst, den Ministranten und der Patientenseelsorge im Humboldt-Krankenhaus, wollen Gemeindemitglieder wissen. „Um Seelsorge geht es nicht mehr, nur noch ums Geld“, sagt Kirchenvorstand Alfons Hentschel. „Das ist keine Fusion, sondern eine feindliche Übernahme!“, ruft eine Frau. Da meldet sich ein älterer Mann und fragt: „Könnten wir nicht geschlossen aus der Kirche austreten?“ Und das Geld, das man als Kirchensteuer gezahlt hat, direkt dem Kirchenvorstand geben? Eine Frau weiß, dass es in Bayern etwas Ähnliches gibt. Dort müsse man acht Prozent Kirchensteuer zahlen und ein Prozent direkt an die Gemeinde abführen. Nur wer radikal ist, sei ein wahrer Christ, sagt Pater Schäfer.

„Die Gemeinden werden alleine gelassen“, sagt Hentschel. Deshalb will man sich jetzt umhören und vielleicht mit anderen Gemeinden zusammentun. Auf der Suche nach Beistand hat der Kirchenvorstand beim Herz-Jesu-Orden angefragt. Der könnte der Retter sein. Der Orden will in einer Großstadt ein neues Zentrum aufbauen. Die Borsigwalder wollen, dass der Orden ihre Kirche übernimmt. In die engere Auswahl haben sie es immerhin schon geschafft.

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