Berlin : Tür an Tür mit dem Täter: Eltern in "Pogromstimmung"

HANS TOEPPEN

BERLIN .In einem Sitzungssaal des Moabiter Kriminalgerichts wird Anfang Februar eine Videoanlage installiert.Erstmals können dann in Berlin Video-Vernehmungen von schutzbedürftigen Zeugen stattfinden - ein vor allem für Kinder und jugendliche Opfer von Sexualverbrechen gedachtes Verfahren.Auf diese Weise könne verhindert werden, daß vor Gericht bei jungen Verbrechensopfern weitere seelische Verletzungen entstehen, sagte Justizsprecherin Svenja Schröder gestern.Strafverfolger erwarten von dem Verfahren auch härtere Strafen für Sittlichkeitstäter.

Erst Anfang vorigen Monats war das Gesetz "zum Schutz von Zeugen bei Vernehmungen in Strafverfahren und zur Verbesserung des Zeugenschutzes" in Kraft getreten.Es läßt im Prozeß Video-Vernehmungen außerhalb des Gerichtssaals zu, vor allem bei Kindern, aber auch bei Zeugen im Umkreis der organisierten Kriminalität.Jungen Opfern von Sexualverbrechen wird außerdem auf Staatskosten ein Anwalt zur Seite gestellt.Die erste Vernehmung eines unter 16jährigen Zeugen soll im Regelfall künftig aufgezeichnet werden.Im Prozeß kann dann das Video aus dem Ermittlungsverfahren vorgeführt werden.Das Band darf die abermalige Aussage in der Hauptverhandlung aber nur bei sexuellem Mißbrauch, bei Kapitalverbrechen oder bei Mißhandlung Schutzbefohlener ersetzen.

Justizsprecherin Schröder legte gestern besonderen Wert auf den seelischen Schutz kindlicher Opfer.Nach der letzten Justizstatistik sind in Berlin 1997 genau 98 Männer und zwei Frauen wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern verurteilt worden.Dazu kamen noch einmal neun Männer wegen des gleichen Delikts "ohne Körperkontakt", beispielsweise durch Porno-Vorführungen.Die Aussagen der jugendlichen Opfer sind dabei fast immer von zentraler Bedeutung.

Aus einer Video-Vernehmung von Kindern könnten künftig schärfere Strafen für die Täter entstehen, meinte gestern der Staatsanwalt Thomas Schulz-Spirohn.Er ist Vorstandsmitglied des Verbandes der Staatsanwälte in der Stadt.Die Argumentation des Strafverfolgers: Bisher bemühten sich die Gerichte immer, ohne Vernehmung der Kinder auszukommen.Dies führe dann häufig nur zu Teilgeständnissen der Angeklagten und zu ensprechend milderen Strafen.Wenn die Kinder aussagten, könne sich das ändern.

Schulz-Spirohn hat auch an einer Versammlung Spandauer Eltern teilgenommen, die sich um ihre Kinder sorgen.Sie protestieren vor allem dagegen, daß ein Erzieher, der im Juni wegen Mißbrauchs Schutzbefohlener zu 22 Monaten Strafen verurteilt wurde, immer noch in Freiheit ist.Der Mann hat Berufung gegen die Strafe eingelegt.Einen Termin vor einer Strafkammer gibt es aber bisher nicht.Die zuständige Strafkammer hat zuviel mit Haftsachen zu tun, und diese gehen gesetzlich allem anderen vor.Eine Mutter hat erneut Anzeige gegen den Mann erstattet.Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, will die Staatsanwaltschaft wieder Haftbefehl beantragen.

Bei der Veranstaltung in Spandau herrschte nach Meinung des innenpolitischen Sprechers der SPD-Fraktion, Hans-Georg Lorenz, regelrechte "Pogromstimmung".Lorenz sagte: "Man hat gemerkt, daß die Not der Leute ziemlich groß war, und das sollte man nicht leicht nehmen."

"Solange, bis wir Selbstjustiz üben"

Spandauer Eltern machen gegen zwei Straftäter mobil

Empörte Eltern, die aus Angst um ihre Kinder an Selbstjustiz gegen einen Kinderschänder denken: Was der Berliner Krimi-Autor Horst Bosetzky in seinem neuesten Buch "Einer muß es tun" beschreibt, in Spandau ist es Wirklichkeit geworden.Eltern und Lehrern machen sich große Sorgen, weil zwei verurteilte Sexualtäter aus dem Einzugsbereich weiterhin auf freiem Fuß sind.

Zu einer emotionsreichen Veranstaltung in der Carlo-Schmid-Schule hatten verschiedene Staakener Grundschulen auf Initiative der Abgeordneten Almut Mommert (CDU) gebeten.Der Hintergrund wurde leidenschaftlich ausgeleuchtet.Ein 30jähriger, angeblicher "Erzieher", der voriges Jahr zu einer 22monatigen Haftstrafe wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern in zwölf Fällen verurteilt wurde, befindet sich bis zur Berufungsverhandlung in Freiheit.Längst werbe er wieder für "Kinderbetreuung" und habe erneut Schüler belästigt, hieß es bei Eltern.Jetzt hat eine Mutter von drei Kindern erneut Anzeige gegen den Mann erstattet.

Der zweite Fall: Ein 60jähriger, seit Jahrzehnten einschlägig bekannter Mann, wurde 1996 wegen sexuellen Mißbrauchs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, so eine andere Elternsprecherin.Obwohl im März 1998 eine zweijährige Haftstrafe wegen eines Drogendeliktes folgte, sitze er nicht im Gefängnis.Die Staatsanwaltschaft hatte Berufung gegen das aus ihrer Sicht zu milde Urteil eingelegt.Heute steht der Spandauer deshalb erneut vor Gericht.

Vertreter von Polizei und Staatsanwaltschaft hatten es schwer, den aufgebrachten Eltern plausibel zu machen, daß sie nur den juristischen Gang abwarten und bei Verdachtsmomenten neue Anzeigen erstatten können."Namen, Daten, Fakten" forderte Hauptkommissar Thomas Hoffmann vom Sittendezernat des Landeskriminalamtes.Im zweiten Fall habe man den Verdächtigen observiert, aber keine Beweise für neuerliche Aktivitäten finden können.Auf wenig Verständnis stieß der Kriminalkommissar mit seinem Hinweis, die Eltern veranstalteten ein "gewisses Kesseltreiben" auf die Beschuldigten.

Die Anklagebehörde sei zu 25 Prozent unterbesetzt, man versuche in der zuständigen Abteilung wenigstens die wichtigsten der pro Kopf rund 90 bis 95 monatlichen Fälle "mit Ach und Krach zur Anklage zu bringen", so Thomas Schulz-Spirohn vom Verband Berliner Staatsanwälte.Zeit, gegen zu "lasche" Urteile Rechtsmittel einzulegen, bleibe da kaum.Daß in den beiden diskutierten Fällen von der Staatsanwaltschaft alle Mittel ausgeschöpft wurden, sei also eher "überraschend" als der Normalfall."Hier ist alles geschehen, was man machen kann", sagt Schulz-Spirohn.

Die Anwesenden blieben unzufrieden."Auch unsere Tochter ist mißbraucht worden, der Staat macht solange weiter, bis wir Selbstjustiz üben", sagte ein anderer unter tosendem Applaus.

Mit einer gemeinsamen Initiative im Parlament sowie gegenüber Innen- und Justizsenator wollen der CDU-Rechtsexperte Andreas Gram und der SPD-Sicherheitsfachmann Hans-Georg Lorenz die Verfolgung von Sexualdelikten nun intensivieren und beschleunigen lassen.Das versprachen die beiden Abgeordneten den rund 400 besorgten Müttern und Vätern am Dienstagabend. du

Noch keine Spur von Jessicas Mörder

Auf der Suche nach dem Mörder der elfjährigen Jessica Kopsch ist die Polizei bisher keinen Schritt weitergekommen.Rund 130 Hinweise sind bei der Kripo seit dem Verschwinden des Mädchens am 28.Oktober eingegangen, davon 30 bis 40, nachdem die bereits stark verweste Leiche des Kindes in einer ausgedienten Kaolingrube bei Halle gefunden worden war.Nur zwei, drei Hinweise stammen aus der Umgebung von Halle, sagte ein Berliner Kripo-Beamter.Eine erfolgversprechende Spur befindet sich nach Einschätzung der Mordkommission nicht darunter.

Eltern, Nachbarn, Freunde und Mitschüler von Jessica trauern.Ein Foto mit Kerzen und Blumen stehen am Eingang des Hauses Schillingstraße 34 in Reinickdendorf.Neben dem Foto von Jessica haben Freunde ein Schild gehängt:"Warum?" steht in kindlich krakeliger Schrift darauf.

Die Polizei vermutet, daß Jessica ihren Mörder kannte und daß sie ihn am Morgen des 28.Oktober freiwillig besuchte, anstatt in die Schule zugehen.Der Täter muß sich in der Umgebung von Halle gut auskennen, denn die Kaolingrube, in der der Plastiksack mit der Leiche des ermordeten Kindes vom Hund eines Spaziergängers gefunden worden war, sei nicht so ohne weiteres von Ortsfremden zu finden, sagte ein Kriminalbeamter.Die Todesursache konnte bisher noch immer nicht ermittelt werden, dazu war die Leiche bereits zu verwest. weso

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