Berlin : Türken auf dem Weg nach Europa

Die Zeitungen sehen 2004 als wichtiges Jahr für den EU-Beitritt

Suzan Gülfirat

GAZETELER RÜCKBLICK

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Zeitungen.

„Ohne zu übertreiben, behaupte ich mal, wird das Jahr 2004 für die EU ein türkisches Jahr“, schrieb ein Autor der Tageszeitung Hürriyet am Sonnabend in seiner Kolumne. Nicht ohne Grund. Schon Ende 2004 könnte die Europäische Union der Türkei Beitrittsverhandlungen anbieten. Bis dahin wird dieses Thema deshalb nicht nur die türkischen Zeitungen beschäftigen, sondern auch die öffentliche Diskussion in Berlin. Zentrale Fragen sind: Was muss für einen EU-Beitritt der Türkei geleistet werden, und wer muss es leisten? Denn die Unterschiede zwischen den Kulturen sind nicht zu übersehen.

Schon am vorigen Mittwoch fragte die Hürriyet auf ihrer Titelseite: „Wollt Ihr mit dieser Art der Trauerzeremonie in die EU?“. Dazu zeigte das Blatt ein Foto, auf dem Tausende von Männern mit Turban und in langer religiöser Kluft zu sehen sind, die in einer Moschee in der Türkei an einer Trauerfeier für die „Tochter des Mahmut Hoca (Prediger)“, teilnahmen. Eigentlich ein Bild, das uns allen genug Angst und Schrecken einjagen würde, erschiene es in hiesigen Blättern. In dem Artikel regte sich der türkische Generalleutnant Aytac Yalman allerdings nicht so sehr über das Äußere der Männer auf als darüber, dass einige während der Zeremonie den Bart des Mahmut Hoca küssten. In diesem religiösen Akt sah der General ein Indiz dafür, dass die Mitglieder der Gemeinde dieses Predigers nicht ganz mit den Werten des Westens konform sind, dem die moderne Türkei ja beitreten will.

Wie sehr dieses Thema auch uns im fernen Berlin beschäftigt, bekommen wir mit, wenn beispielsweise in hier erscheinenden türkischen Zeitungen eine Debatte über den wachsenden Islamismus unter den hiesigen Türken geführt wird oder am Kurfürstendamm Unterschriften für den EU-Beitritt des Landes am Bosporus gesammelt werden. In Deutschland lebt schließlich die größte türkische Gemeinde außerhalb der Türkei, mehr als zwei Millionen Menschen; Berlin hat von allen europäischen Städten die meisten türkischen Bewohner (knapp 200 000).

Besonders ihnen galt die Neujahrsansprache des türkischen Botschafters in Berlin, Mehmet Ali Irtemcelik, die die türkischen Zeitungen am Sonnabend auf ihren Europa-Seiten abdruckten. Er beschwor darin seine Landsleute in Europa („egal welcher Staatsangehörigkeit“), sich in diesem Jahr für den Beitritt der Türkei in die EU zu engagieren. „Ihre Stimme ist gewichtiger als die Stimme der Menschen in der Türkei“, meinte er. „Jeder Europa-Türke ist in dieser Zeit die Türkei selbst.“ Jeder von ihnen solle deshalb Partei für die Türkei ergreifen, wenn jemand das Land kritisiere. Ob der Europäische Rat Ende 2004 einen Termin nennt, hängt davon ab, ob die Türkei bis dahin die Kriterien für eine Aufnahme erfüllt. Ob die Menschen in Europa den Beitritt befürworten, hängt davon ab, wie sehr sich die türkischen Bewohner hier integrieren. Aber darüber stand in der Ansprache des Botschafters kein einziges Wort.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben