Türken in Berlin : Gewählt in Kreuzberg

Am Sonntag sind auch Tausende von Türken in Berlin zur Wahl in der Türkei aufgerufen. Per Brief abzustimmen ist nicht möglich - es regt sich Protest.

Wenn am Sonntag die Wahlbüros in der Türkei schließen, werden auch Tausende von Türken aus Berlin ihre Stimmen abgegeben haben. Täglich starten von Tegel und Schönefeld aus etwa zehn Flugzeuge Richtung Antalya, Izmir, Istanbul und Ankara. Und sogar Direktflüge in die anatolischen Städte Kayseri und Gazi-Antep (nahe der syrischen Grenze) gibt es bereits.

„Ich habe die türkischen Sozialdemokraten, die CHP, gewählt“, sagte am Freitag Seval Kandemir. Unter dem Blitzlichtgewitter der türkischen Fotografen warf sie ihre Stimme in die Urne und gab dann einem Fernsehsender ein Interview. Allerdings nahm sie bloß an den symbolischen Wahlen des Türkischen Wissenschafts- und Technologiezentrums (BTBTM) am Kottbusser Tor in Kreuzberg teil. Der in der Technischen Universität ansässige türkische Studentenverein wollte mit dieser Aktion dagegen protestierten, dass die im Ausland lebenden türkischen Staatsbürger nicht von ihrem Wohnort aus per Briefwahl bei den Wahlen des Türkischen Parlaments mitmachen dürfen.“ Es gab selbst gedruckte Wahlscheine, eine Kabine und eine Urne aus einem Karton. Und sogar Polizeischutz hatten die jungen Wahlhelfer. „Auch nach mehr als 40 ,, Jahren der Migration wird den türkischen Staatsbürgern im Ausland dieses elementare Recht auf politische Partizipation verwehrt“, kritisierte die Vorsitzende des BTBTM, Derya Oyali. Die angehende Erziehungswissenschaftlerin versteht nicht, warum es anderen Ländern gelingt, ihre Staatsbürger in den Konsulaten wählen zu lassen, und der türkischen Regierung nicht.

Zweifelsohne sind die meisten wahlberechtigten Berliner Türken längst in der Türkei. Nach Schätzung des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg (TBB) sind dies etwa 90 000 der knapp 180 000 Türken in Berlin. Auch wer sich vor dem 1. Januar 2000 rückeinbürgern ließ, könne an den Wahlen teilnehmen, sagte Kenan Kolat vom TBB. Aber wer hiergeblieben ist, wird am Sonntag die Wahlen nur auf dem Bildschirm verfolgen können. Auch der Gastronom Kemal Salis. „Ich habe noch nie in meinem Leben an einer politischen Wahl teilgenommen“, sagte der 41-jährige Kreuzberger, der seit 1980 in Berlin lebt. „Die türkische Regierung kritisiert den deutschen Staat wegen des Zuwanderungsgesetzes. Dabei kann sie ihren Bürgern hierzulande nicht die Briefwahl ermöglichen“, sagte er. Seval Kandemir dagegen wird am heutigen Sonnabend auch noch echt wählen können. Sie fliegt dann in die Türkei. suz

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