Türken und Kurden in Berlin : Nach Anschlägen: Henkel erwartet mehr Demonstrationen

Die Anschläge in der Türkei werden nach Ansicht von Innensenator Frank Henkel Einfluss auf das türkisch-kurdische Verhältnis in Berlin haben.

Christian Vooren
Am Kottbusser Damm zwischen Kotti und Hermannplatz treffen täglich Türken und Kurden aufeinander - in aller Regel friedlich.
Am Kottbusser Damm zwischen Kotti und Hermannplatz treffen täglich Türken und Kurden aufeinander - in aller Regel friedlich.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die jüngsten Anschläge in der Türkei, bei denen mindestens 28 Menschen ums Leben kamen, werden nach Einschätzung des Berliner Innensenators Frank Henkel Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Türken und Kurden in Berlin haben, „insbesondere, was die Anzahl von Demonstrationen angeht.“ Der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu hatte die PKK und kurdische Milizen in Syrien für die Attentate verantwortlich gemacht. Die PKK und ihr syrischer Ableger YPG hatten jedoch eine Verantwortung für die Anschläge abgelehnt. In der Vergangenheit hatte sich die kurdische Miliz stets zu von ihr verübten Anschlägen bekannt, eine Beteiligung an den Taten scheint demnach unwahrscheinlich.

Ob Kurden den Anschlag verübt haben, ist für die gereizte Stimmung unerheblich

Was an den Beschuldigungen letztlich dran ist, dürfte in Berlin keine Rolle spielen, die Stimmung ist ohnehin aufgeheizt. Spannungen zwischen Kurden und Türken hatte es hier in der Vergangenheit wiederholt gegeben. Innensenator Henkel sagte gegenüber dieser Zeitung dazu: „Der Konflikt zwischen der türkischen Regierung und der PKK ist keine neue Erscheinung und hatte schon in der Vergangenheit zu einer Emotionalisierung der Anhänger beider Seiten in Berlin geführt.“ Vertreter beider Parteien bemühten sich derweil um Beschwichtigung.

Ayse Demir, Vorstandssprecherin des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg (TBB), sagte: „Wir verurteilen die Anschläge in der Türkei entschieden.“ Die türkische Gemeinde in Berlin rief sie zur Besonnenheit auf, betonte aber, kein gesteigertes Konfliktpotenzial zu erwarten. „Bei den meisten Türken hier sehe ich eher Sorge als Wut.“ Demir habe zwar in der Vergangenheit Spannungen erkennen können, diese hätten sich aber „im Rahmen gehalten.“ Dass aus Sorge schnell Wut erwachsen kann, sagte Demir freilich nicht.

Ein Kurdenvertreter sieht die türkische Regierung als Drahtzieher der Anschläge

Ibrahim Okuduci schlug einen ähnlichen Tonfall an. Der Leiter des Kurdischen Zentrums Berlin gab zwar zu, dass viele Kurden hier wütend über die Politik Erdogans seien. In Berlin seien sie aber alle Migranten, ganz gleich ob Kurden oder Türken. Für die Anschläge in Ankara und im Südosten der Türkei beschuldigt er die türkische Regierung. Sie sei selbst für die Anschläge verantwortlich, um sich eine Rechtfertigung für ihr Handeln zu schaffen: „Es gibt für die Regierung jetzt zwei Varianten. Entweder sie kann sagen, dahinter steckt der IS oder eine andere Terrororganisation, dann kann sie die Nato mit Nachdruck um Hilfe bitten. Oder sie schiebt es auf die Kurden, dann kann sie damit rückwirkend die Massaker an ihnen rechtfertigen.“

"Beim Terror in Paris gingen alle auf die Straße. Wo sind die Menschen jetzt?"

Wer sich direkt auf der Straße umhört, bekommt ein gemischtes Stimmungsbild geboten. Ortsbesuch zwischen Kottbusser Tor und Hermannplatz, der türkischen Lebensader Kreuzbergs. Kioskbetreiber Yavuz hat das Gebiet rund um den Kotti jeden Tag im Blick. Der Türke beschreibt das Zusammenleben mit Kurden als „immer friedlich“. Nur bei Demos, da könne es schon mal zu Ärger kommen.

Ein benachbarter Fleischer, der - wie die meisten - seinen Namen lieber nicht nennen möchte - ärgert sich über etwas ganz anderes: „Wenn in Paris eine Bombe hoch geht, sind alle in Aufregung. Wo sind die Menschen jetzt? Wer geht jetzt auf die Straße? Ich sehe niemanden.“ Er ist deshalb so in Rage, dass man ihm zu seinem eigenen Schutz das Fleischermesser aus der Hand nehmen möchte.

"Wenn ich eine Kurdenflagge sehe, werde ich wütend."

Also alles friedlich in Berlin? In einem Imbiss am Kottbusser Damm klingt das anders. Ein junger Türke serviert hier gerade scharfe Tomatensuppe mit Brot. Der Konflikt mit den Kurden sei ein altes Spiel. „Er habe nichts gegen Kurden, alle seien nur Menschen, aber…“, fängt er seine Schilderungen an. „Wenn ich eine Kurdenflagge hier in Berlin sehe, werde ich wütend“, erzählt er. Vor wenigen Wochen seien drei Türken in seinen Imbiss geflüchtet, sie seien von sechs Kurden mit Messern verfolgt worden. Passiert sei zum Glück nichts. Auslöser des Streits sei eine politische Auseinandersetzung gewesen.

Henkel: Die Polizei beobachtet die Lage genau

Ob seine Geschichte wahr oder erfunden ist, lässt sich nicht nachprüfen. Sie sagt aber in jedem Fall viel aus über das Verhältnis mancher Kurden und Türken zueinander. So lange einzelne Mitglieder beider Gruppen jedoch derart hart gegenüber den anderen eingestellt sind, bleiben Auseinandersetzungen zu befürchten. Auch wenn viele der vermeintliche Konflikt eher kalt lässt. Innensenator Henkel gibt sich vorerst gelassen: „Die Berliner Polizei beobachtet die Entwicklung genau". Sie sei aufgrund ihrer Erfahrungen gut vorbereitet und werde im Falle eventueller Konfrontationen zwischen den Gruppen angemessen einschreiten. Bleibt zu hoffen, dass dieser Fall nicht eintritt.

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