Berlin : Türken wollen mehr Chancen und sehen eigeneVersäumnisse

Türkischer Bund legt Papier zur besseren Förderung von jungen Ausländern vor Bundesvorsitzender Kolat kritisiert fehlenden Willen zur Eingliederung

Marc Neller

Vertreter türkischer Verbände haben mit Blick auf die französischen Krawalle eine neue Integrations- und Bildungspolitik angemahnt und ein Vier-Punkte-Programm vorgelegt. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, nahm dabei auch die türkischen Verbände in die Pflicht. „Wir haben ein Unterschichtenproblem“, sagte Kolat. „Sechzig bis siebzig Prozent der türkischstämmigen Migranten gehören einer unteren sozialen Schicht an.“ Vielen fehle jede Bildung, deswegen sei die Arbeitslosigkeit sehr hoch (siehe dazu Kasten). Vom Bund und dem Land Berlin forderte er mehr Geld, um jugendliche Migranten stärker zu fördern und 10000 Ausbildungsplätze. Der zentrale Punkt des Papiers sind die Forderung nach einer frühen Spracherziehung – und nach mehr Erziehern und Lehrern mit Migrationshintergrund. Dies sei besonders für Berlin mit seinen vielen türkischstämmigen Migranten wichtig.

Zudem nahm Kolat die Migranten in die Pflicht. „Wenn wir etwas ändern wollen und verhindern, dass in Berlin und Deutschland irgendwann Zustände entstehen wie in Paris, dann müssen die türkischen Organisationen ihren Beitrag leisten.“ Ähnlich sieht es der Türkische Bund Berlin-Brandenburg. Dessen Sprecherin Eren Ünsal beklagte „Rückzugstendenzen“. Ein Teil der türkischen Community fühle sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und sei enttäuscht. „Und ein sehr kleiner Teil hat gar nicht erst vor, sich zu integrieren. Das ist eine Haltung, die wir absolut nicht akzeptieren können“, sagte Ünsal. Das liege zum Teil an falscher Integrationspolitik, aber auch an den Familien. „Sie wollen zwar, dass aus ihren Kindern etwas wird. Aber sie kümmern sich nicht genügend darum.“ Da will der Türkische Bund ansetzen: Er möchte verstärkt die Jugendlichen ansprechen, die tagsüber in Jugendclubs, Spielhallen, oder auf Marktplätze rumhängen, während Altersgenossen in der Schule sind oder arbeiten gehen. Dann soll auch mit deren Eltern gesprochen werden. „Sie müssen wir noch stärker als bisher einbinden. Sie sind für die Jugendlichen absolute Respektspersonen.“

Ünsal verweist auf ein vorbildliches Pilotprojekt an einer Kreuzberger Grundschule. Vier Pädagogen arbeiten dort als Elternlotsen. Sie besuchen Eltern, deren Kinder Probleme in der Schule haben und beraten sie. „Das wird sehr gut angenommen, die Eltern sind dankbar“, sagt Ünsal. Das Projekt ist vorerst auf ein Jahr befristet. Die Kosten – 30000 Euro – übernimmt der Türkische Bund in Berlin.

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