Berlin : Türkisch, das bleibt ein Gefühl von Heimat

Nach dem Erdbeben fand Elif in Berlin ein Zuhause. Doch auch ihre Pflegeeltern sind noch Fremde

Claudia Keller

Auf dem Foto mit den verblichenen Farben sitzt eine Frau mit langen schwarzen Haaren auf dem Sofa. Auf ihren Augenlidern trägt sie grünen Lidschatten. Der Mann mit weit aufgeknöpftem Hemd neben ihr legt den Arm um sie. Das sind Esma und Ilyas Y. vor dreißig Jahren. Da hatten sie sich gerade verlobt. Das Bild ist aufgenommen in Adapazari, 150 Kilometer östlich von Istanbul. Esma war 17 Jahre alt, Ilyas 26.

Heute, an einem Januarnachmittag 2003, sitzen die beiden in ihrem Neuköllner Wohnzimmer auf einem grünen Plüschsofa. Esma hat ihr Haar unter einem Kopftuch verborgen, Schminke benutzt sie schon lange nicht mehr. Ilyas trägt eine Brille und über dem grauen Hemd einen grauen Pullover. Auf dem Laminatboden liegen mehrere Teppiche, einer ist rosa und hat eine Blumenbordüre. In der Ecke steht eine Vase mit Kunststoffblumen. Zwischen Esma und Ilyas sitzen die 12-jährige Tochter Betül und die achtjährige Nichte und Pflegetochter Elif.

Elif seit drei Jahren hier, seit dem Erdbeben in der Türkei, bei dem ihre Mutter umkam. Esma und Ilyas wollen das Mädchen adoptieren, schon jetzt haben sie das Sorgerecht. Als Adoptivtochter könnte Elif für immer hier bleiben. Ansonsten droht ihr, wie berichtet, die Abschiebung.

„Viel Stress letzte Zeit“, sagt Esma. Dann nimmt sie das Foto, schüttelt den Kopf und raunt ihrem Mann auf Türkisch zu: „Erzähl, wie verliebt wir waren.“ Wenn die Frau so wie jetzt mit offenem Mund lacht, sieht sie trotz ihrer 43 Jahre jung aus – trotz des Kopftuchs, das ihr Gesicht in einen hausbackenen Rahmen fasst. Sie serviert türkischen Tee und Lokum, türkisches Zuckergebäck. Ilyas lächelt verschämt, als er erzählt, wie sein Vater bei Esmas Familie um ihre Hand angehalten hat, wie sie sich eine Woche Bedenkzeit auserbeten und schließlich ja gesagt habe. Zwei Tage nach der Verlobung 1975 ist Ilyas nach Berlin zurückgekehrt.

Dabei hatte er wirklich vor, in Adapazari zu bleiben. Das Lächeln ist aus seinem Gesicht verschwunden. Aber ein Freund hat ihn überredet, es doch noch einmal zu versuchen, als Schlosser bei Daimler in Marienfelde. Dort würde er doppelt so viel verdienen wie bei Siemens. Bei Siemens hatte Ilyas drei Jahre gearbeitet – und Erfahrungen gesammelt, die so waren, dass er alles Geld sparte, um so schnell wie möglich wieder in die Heimat zu kommen und dort ein besseres Leben zu führen. „Von sechs Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags, dann einkaufen, kochen, waschen – und alles alleine.“ Im Sommer 1975 hörte Ilyas auf seinen Freund, ging zurück und verdiente fortan mit Akkordzuschlag 2000 Mark im Monat. Er blieb, jetzt sind es 26 Jahre.

Ein Jahr später zog seine junge Frau nach. Berlin, das war für sie eine kleine Wohnung und viel Einsamkeit und Heimweh. Sie deutet das Alleinsein mit den Armen an, die sie um sich schlingt. Dann aber freundete sich das Paar mit den türkischen Arbeitskollegen von Ilyas an und mit den türkischen Nachbarn. Esma und Ilyas lernten.

Esma lernte, dass man nicht Deutsch können muss, um im Supermarkt einzukaufen, und auch nicht, um am Wochenende mit Freunden am See zu picknicken. Und mehr erwartete Esma gar nicht von Deutschland und vom Leben, mehr war auch gar nicht vorgesehen. „Für uns war immer klar, dass meine Frau nicht arbeiten muss“, sagt Ilyas, „ich verdiene genug.“ Nach 15 Jahren wurde Betül geboren. Da hatte Esma den Deutschkurs längst abgebrochen und dafür zwei Schneider- und einen Handarbeitskurs besucht. „Ich verstehe Deutsch“, übersetzt die Tochter für die Mutter, „aber zu sprechen ist sehr schwer“.

Auf einmal fallen Esma doch deutsche Sätze aus dem Mund, fünf, sechs Sätze hintereinander, ohne Fehler. Sie erzählen von den wenigen Momenten, in denen sie in den vergangenen Jahren auf sich selbst gestellt war: als ihr Mann längere Zeit im Krankenhaus lag oder jetzt in der Fahrstunde. Sie schlüpft ins Deutsche, wenn sie selbst Verantwortung übernimmt. Türkisch ist fürs Fallenlassen, fürs Einkuscheln in die Familie.

„Oft hat die Sprachfähigkeit der Frauen etwas mit der Machtposition der Ehemänner zu tun“, wird Barbara John, Berlins Ausländerbeauftragte, später am Telefon sagen. Immer mehr Türkinnen würden mittlerweile dagegen angehen, sagt Frau John, aber immer noch viel zu wenige. Auch in der jungen Generation seien sie eher die Ausnahmen. Sie wollen alleine zum Arzt gehen und mit den Lehrern ihrer Kinder sprechen. Das zumindest nannten 4000 Musliminnen als Grund dafür, dass sie die Deutschkurse besuchen, die seit einigen Jahren an Schulen und Kitas speziell für Mütter angeboten werden.

Betül und die achtjährige Elif sprechen Deutsch miteinander und mit den Eltern Türkisch. Betül sagt, sie könne gar nicht richtig Türkisch, das fange schon mit den Wochentagen an. Die fallen ihr nie ein. Die Türkei, das sind für die beiden Mädchen die Ohrringe und Ketten, die ihnen Esma vor ein paar Tagen aus Adapazari mitgebracht hat. Das sind die Cousins, die sie einmal im Jahr für drei Wochen sehen. „In der Türkei ist alles so streng“, sagt Betül, „da will ich auf keinen Fall hin.“ Sie ist froh, dass vor drei Jahren der Plan ihres Vaters scheiterte, endgültig in die Türkei zurückzugehen. Das Erdbeben begrub das Vorhaben.

„Jetzt ist es unser Schicksal, dass wir hier bleiben“, sagt Ilyas. Betül will später mal studieren, vielleicht Ärztin werden. Eines will sie auf keinen Fall: Wie ihre Mutter ein Kopftuch tragen. „Der Koran schreibt vor, dass eine Frau ihr Haar bedecken soll“, sagt ihr Vater. „Aber es ist kein Muss“, sagt Betül. Esma hat das Tuch inzwischen abgenommen. Darunter zeigen sich schwarze, schulterlange Haare. Sie setzt es wieder auf, als der Fotograf klingelt. Dann nimmt sie noch einmal das verblichene Foto in die Hand und sagt: „Früher, als wir jung waren, da wussten wir nichts vom Islam.“ Und ihr Mann ergänzt: „Erst hier in Deutschland haben wir ihn kennen gelernt.“

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