Berlin : „Türkische Revolution“

53 türkischstämmige Kandidaten bewerben sich am Sonntag um ein Mandat – so viele waren es noch nie

Suzan Gülfirat

Fünf türkischstämmige Parlamentarier gab es in den vergangenen fünf Jahren im Abgeordnetenhaus. Diese Zahl könnte am Sonntag auf sieben steigen. Nicht ohne Grund titelte das auflagenstarke Massenblatt „Hürriyet“ auf dem Cover seiner Beilage zur Berlin-Wahl in dieser Woche „Türkische Revolution – 45 Jahre nach der Migration gehen 21 Kandidaten aus unserer Mitte ins politische Rennen“. Dazu zeigte die Tageszeitung türkischstämmige Kandidaten vor dem bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, dem Brandenburger Tor.

Tatsächlich gibt es bei dieser Wahl so viele türkischstämmige Kandidaten wie nie zuvor. Um einen Sitz im Abgeordnetenhaus bemühen sich 21 Kandidaten, um Plätze in den Bezirksverordnetenversammlungen (BVV) kämpfen 32 Berliner mit türkischen Namen. Mit knapp 180 000 Mitgliedern lebt in Berlin die größte türkische Gemeinde außerhalb der Türkei. Davon besitzen etwa 60 000 einen deutschen Pass und sind wahlberechtigt, sofern sie volljährig sind, beziehungsweise für die BVV-Wahl mindestens 16 Jahre alt sind. Auf politischer Bühne bemühen sich alle Parteien intensiv um die Stimme dieser Bevölkerungsgruppe. SPD-Spitzenkandidat Klaus Wowereit wirbt zudem in der Wahlbeilage der Hürriyet mit dem Slogan „Wir sind die Partei der Türken“. Und Friedbert Pflüger (CDU) verspricht darin „Investitionen in die Migration“, während die Linkspartei.PDS mit dem Spruch wirbt: „Unsere Leitkultur: Berlin“.

Die jetzigen fünf Abgeordneten kandidieren alle erneut und haben gute Chancen zur Wiederwahl. Das ist etwa Evrim Helin Baba (35), die die frauenpolitische Sprecherin der Linkspartei-Fraktion ist. Ihr Parteikollege Giyasettin Sayan (56) ist für den Bereich Migration zuständig, und kandidiert als Direktkandidat in der PDS-Hochburg Lichtenberg. Gute Chancen hat der schulpolitische Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu (38), der auf Listenplatz vier seiner Partei steht. Auch für Dilek Kolat (39), die Kreisvorsitzende der SPD in Tempelhof-Schöneberg, sieht es in ihrem Wahlkreis Friedenau als Direktkandidatin ganz gut aus. Sie steht zudem auf der Liste des Wahlkreisverbandes Tempelhof-Schöneberg auf Platz zwei. Das Gleiche gilt für Ülker Radziwill, die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion ist. Die Direktkandidatin steht im Wahlkreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf auf der Liste des Wahlkreisverbandes auf Platz vier. Neu dazu kommen wird aller Voraussicht nach die auf der politischen Bühne recht unbekannte Bilkay Öney (35). Die Journalistin steht auf der Landesliste der Grünen mit Platz drei noch vor Özcan Mutlu.

Für die Rechtsanwältin Canan Bayram (39), die in Friedrichshain-Kreuzberg für die SPD antritt, könnte es knapp werden. Für die FDP in Tempelhof-Schöneberg ist ungewiss, ob es der Immobilienmakler Cumhur Atam (33)schafft. Die Ausländerbeauftragte von Schöneberg und Mitglied des Bundesvorstands der CDU, Emine Demirbüken, steht auf der Landesliste ihrer Partei auf Platz sechs.

Eren Ünsal vom Türkischen Bund freut sich über so viel Auswahl. „Das ist für mich ein Beispiel für gelungene Teilhabe an politischen Entwicklungen“, sagt sie. Traditionell tendieren Türken zur SPD. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr schaltete die „Hürriyet“ ein Wahl-Telefon: 77 Prozent stimmten für Rot-Grün. Allerdings wird sich nach dieser Wahl nicht feststellten lassen, wie viele der eingebürgerten Türken zur Wahl gegangen sind. Ebenso ist unklar, wie viele der türkischen Jugendlichen die Wahlaufrufe der türkischen Verbände erreicht haben.

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