Berlin : "Türkischer Abgeordneter im Koma"

Wie türkische Blätter über den Überfall auf Giyasettin Sayan berichten

Suzan Gülfirat

Nahezu alle türkischen Zeitungen zeigten am Sonntag auf ihrer Titelseite ein Foto, das den migrationspolitischen Sprecher der Linkspartei/PDS-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Giyasettin Sayan, schwer verletzt im Krankenbett zeigt. „Rassistischer Angriff auf Sayan“, schrieb dazu zum Beispiel die Türkiye in der Überschrift. Die Hürriyet zeigte das gleiche Foto und spitzte den Vorfall so zu, dass die Überschrift nicht mehr richtig war: „Neonazis prügeln türkischen Abgeordneten ins Koma.“ Das Thema Rassismus und Diskriminierung von Türken ist für die türkischen Blätter immer ein großes Thema – eben bis hin zur Übertreibung: Wer am Sonnabend die Berliner Abendschau des RBB sah, konnte sich davon überzeugen, dass Giyasettin Sayan durchaus noch in der Lage war, mit Journalisten zu reden.

Bei einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahre 2001 gab mehr als die Hälfte der befragten Türken an, das Gefühl von Diskriminierung erlebt zu haben. Mindestens jeder zweite Türke in Deutschland wird bei diesem Vorfall deshalb wohl genau das denken, was die Türkiye über der fast ganzseitigen Fortsetzung im Innenteil formuliert hat: „Was werden diejenigen, die rassistische Vorfälle kleinreden, jetzt dazu sagen?“ In der Überschrift dieses Textes richtete die Zeitung einen Appell an die Deutschen: „Deutschland wach endlich auf.“

Die Informationen in den Texten stimmten allerdings mit den Berichten der deutschen Nachrichtenagenturen überein. Daneben zitierten die Blätter auch türkischstämmige Politiker. In der Hürriyet kamen die Bundestagsabgeordneten Lale Akgün (SPD) und Hakki Keskin (Die Linke) zu Wort. Die Überschrift dazu lautete: „Türkische Politiker sind alarmiert.“

Die Türkiye zitierte Sevim Dagdelen. Sie ist die migrations- und integrationspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke. „Eine parteiübergreifende Verurteilung rechtsextremistischer Gewalttaten muss auch die Konsequenz haben, dass Mittel für Projekte gegen Rechtsextremismus und Rassismus nicht gekürzt werden dürfen“, sagte sie.

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