Berlin : Türkischer Bund: Kunst muss frei sein

Heute Abend wird Mozarts „Idomeneo“ aufgeführt – zu Gast wird auch viel Prominenz sein

Sebastian Leber

Kenan Kolat ist kein großer Opernfan. In die Oper geht er nur, wenn seine Frau genug Druck macht. Dass der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland heute Abend dennoch bei der Wiederaufnahme von „Idomeneo“ dabei ist, hat er sich selbst eingebrockt: Er war es, der beim ersten Treffen der Islamkonferenz Ende September vorschlug, man solle gemeinsam die umstrittene Inszenierung besuchen. „Das ist unsere Chance zu zeigen, dass die Freiheiten der deutschen Gesellschaft auch den Muslimen am Herzen liegen“, sagt Kolat.

Die Oper, an deren Ende die geköpften Häupter von Mohammed und anderen Religionsstiftern gezeigt werden, war im September aus Angst vor Anschlägen vom Spielplan genommen worden. „Ich kann nach wie vor verstehen, wenn fromme Muslime ihre Gefühle verletzt sehen“, sagt Kolat. „Trotzdem gilt: Die Kunst muss frei sein.“

Die Vertreter des Zentralrats der Muslime und des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland haben die Einladung der Deutschen Oper wie berichtet ausgeschlagen. Andere Teilnehmer wie der Berliner SPD-Politiker Badr Mohammed können aus terminlichen Gründen nicht dabei sein. Immerhin: Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion schickt einen Vertreter, auch mehrere unabhängige Konferenzteilnehmer kommen. Die Berliner Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates versteht ihren Besuch als „klares politisches Statement“. „Normalerweise würde ich sicher nicht dorthin gehen. Ich stehe nicht auf blutrünstige Aufführungen, so etwas halte ich für unnötig.“

Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde kritisiert unterdessen, dass die fernbleibenden islamischen Verbände ihren Unwillen nicht schon auf der Islamkonferenz deutlich gemacht haben: „Als ich den gemeinsamen Besuch angeregt habe, gab es keinen Widerspruch. Da herrschte eine Art Einvernehmlichkeit.“

Das sei „nicht ganz richtig“, sagt Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats. „Kolat machte seinen Vorschlag ganz am Ende der Sitzung, nachdem wir bereits eine Stunde überzogen hatten. Da war keine Zeit zum Diskutieren.“ Stattdessen habe Kizilkaya gleich im Anschluss deutlich gemacht, dass er die Wiederaufnahme zwar unterstütze, für sich selbst einen Besuch aber ablehne. Ebenfalls nicht vor Ort ist der Regisseur Hans Neuenfels. Er deutete vorab in Interviews Zweifel an der künstlerischen Qualität der Wiederaufnahme an. Auch unter Berliner Operngängern ist die Vorfreude auf das Stück verhalten: Für die heutige Aufführung gibt es noch mehr als 200 Karten, für den zweiten Termin am 29. Dezember sind 700 Plätze frei.

Auf jeden Fall werden heute Abend die vier Requisiten da sein, die die Diskussion ausgelöst hatten: Die Pappmaché-Köpfe von Mohammed, Jesus, Buddha und Poseidon waren vor zwei Wochen unter bisher ungeklärten Umständen verschwunden. „Unsere Werkstätten stellen gerade Ersatz her“, sagt Opernsprecher Alexander Busche. Für die Aufführung gebe es besondere Schutzmaßnahmen, eine konkrete Drohung gebe es aber nicht, teilt die Polizei mit.

Die Aufführung beginnt heute um 19.30 Uhr. Karten gibt es unter Telefon: 0700 - 67 37 23 75 46.

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