Türkischer Verein : Zu Gast bei extremen Freunden

Israel sei ein faschistischer Staat, behauptet der Vorsitzende des Türkischen Kulturvereins in Wedding. Als während einer Sitzung des Integrationsausschusses Politiker protestieren, rudert der Vereinssprecher zurück. Dennoch: Das Bild eines äußerst wertkonservativen Vereins bleibt.

Werner Kurzlechner
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Gemeinsame Trauer. Das Foto von der Homepage des Vereins zeigt, wie auf dem Gelände in Wedding des gestorbenen BBP-Führers gedacht...Foto: Tsp

BerlinSchwarzer Tee in rauen Mengen und das mehrmalige Angebot, die Diskussion doch für eine Mahlzeit zu unterbrechen: Der Türkische Kulturverein an der Lindower Straße in Wedding gab sich Mühe, den Bezirksverordneten des Integrationsausschusses in Mitte ein guter Gastgeber zu sein. Dennoch hätte etwa der Grünen-Verordnete Frank Bertermann fast aus Protest den Saal verlassen. Zuvor hatte der Vereinsvorsitzende Mustafa Inan Israel beleidigt. Der CDU-Verordnete Hagen Streb hatte Inan auf ein Video angesprochen, in dem er Israel auf Türkisch als „faschistischen Staat“ bezeichnet habe. „Aber das ist doch so“, antwortete Inan lapidar. Nach Protestrufen der Politiker versuchte Vereinssprecher Hamza Yilmaz zu beschwichtigen. Der Vorsitzende sei missverstanden worden. „Niemand in diesem Verein darf ein Volk als Ganzes beschimpfen“, sagte Yilmaz.

Dieses Zurückrudern war bezeichnend an diesem Abend, der ein Bild vom politischen Selbstverständnis des Vereins lieferte. Das Quartiersmanagement Reinickendorfer Straße/Pankstraße hatte ihn und seine Jugendabteilung im vergangenen Jahr mit knapp 12.000 Euro gefördert. Die öffentlichen Gelder flossen zum Großteil in ein Projekt, das Jugendliche bei der Berufswahl unterstützt. Unbestritten engagiert sich der Verein dafür, dass Jugendliche nicht kriminell werden. Nach Einschätzung der Extremismusexpertin Claudia Dantschke ist der Weddinger Verein aber auch Berliner Ableger des Verbandes „Europäische Türkische Union“ (ATB). Dieser propagiere die Ziele der am rechten Rand des türkischen Parteienspektrums stehenden „Partei der Großen Einheit“ (BBP), einer Absplitterung der auch als „Graue Wölfe“ bekannten „Partei der nationalistischen Bewegung“ (MHP). Laut neuem Verfassungsschutzbericht verfüge die ATB in Berlin über Strukturen, die BBP sei „extrem-nationalistisch“.

„Wir sind weder rechtsextrem noch islamofaschistisch“, behauptete Inan. Der Verein stehe Menschen aller politischen Richtungen offen – auch Sympathisanten der BBP, sagte Yilmaz. Die Zugehörigkeit zur ATB bestritten die Vereinssprecher. Allerdings wimmelt es im Internetauftritt des Vereins von Bildern des im März bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen BBP- und ATB-Gründers Muhsin Yazicioglu. Auch Fotos von einer Trauerfeier für den Parteiführer auf dem Weddinger Vereinsgelände mit einem Riesenkonterfei Yazicioglus und ATB-Logo sind auf der Homepage zu finden. Die politische Einseitigkeit des Web-Auftritts schob ein Sprecher auf Eigenmächtigkeiten der Jugendabteilung: „Wir müssen unsere Jugendlichen künftig besser kontrollieren.“

Ausflüchte dieser Art prägten die Diskussion. „Leider ist es uns bislang nicht gelungen, unsere Frauen zu einer aktiven Mitarbeit zu bewegen“, sagte Yilmaz zum Fehlen weiblicher Mitglieder im Sitzungssaal. Die Vereinssprecher verhehlten ihr konservatives Familienbild nicht. Homosexuelle seien nicht willkommen.

Dennoch wolle das Bezirksamt den Dialog mit dem „wertkonservativen und orthodox-islamischen Verein“ fortsetzen, sagte Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) dem Tagesspiegel, auch wenn der Ausrutscher gegenüber Israel „völlig inakzeptabel“ sei. Er habe den Verein darauf aufmerksam gemacht, dass die Internetpräsenz politisch ausgewogener und zweisprachig sein müsse und dass mehr Frauenarbeit nötig sei. In einem halben Jahr wolle man darüber noch einmal reden. CDU-Mann Streb will dagegen die Zusammenarbeit sofort beenden. Sinnvoller sei es, mit Bezirksmitteln alternative, politisch neutrale Vereine aufzubauen. Hanke attestierte immerhin: „Herr Streb hat im Ausschuss berechtigte Fragen gestellt.“ Werner Kurzlechner

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