Berlin : Türkisches Brot und Katzenkuchen

Wolfram Siebeck

Was ist eine privilegierte Partnerschaft?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Wird doch täglich drüber geredet.“ (Sie macht eine knappe Kopfbewegung zu dem Haufen Zeitungen, der neben ihr liegt.)

„Meinst du die Türkei?“

Sie mustert mich so rührend erwartungsvoll, wie Harpo Marx seinen Bruder Groucho mustert. Das bedeutet: Ja.

„Das ist eine Partnerschaft, in der einer mehr privilegiert ist als der andere. Was der andere aber nicht weiß.“

„Warum geht er dann überhaupt in eine Partnerschaft, der andere?“

„Vielleicht verspricht er sich was davon“, sage ich und sehe, dass ihr meine Auskunft nicht genügt. „Es ist wie eine Partnerschaft von Mann und Frau“, setze ich deshalb hinzu und hoffe, ihre Neugier sei gestillt. Aber eher stillst du den Durst eines Bauarbeiters als die Neugier einer Katze: „Und wer ist privilegiert?“, bohrt sie weiter.

„Das glaubt die Frau zu sein, weil sie ein hübsches Brautkleid trägt.“

„Schön. Und der Mann?“

„Trägt Jeans und hat sich nicht einmal rasiert.“

„Hat sie sonst keine Privilegien?“

„Doch. Sie darf die Hochzeitstorte anschneiden.“

Frau Hoffmann versinkt in eine träumerische Starre. Dann bricht ihre Neugier erneut aus: „Wer hat die Torte gebacken? Die Memsahib?“

„Nein. Der Konditor am Bahnhof.“

„Der, der den Gugelhupf macht?“

„Genau der. Er ist ein Meister der Hochzeitstorten.“

Der Fluss des logischen Dialogs wird erneut umgeleitet und staut sich vor ihrer Neugier: „Der beste seines Fachs?“

„Kann man sagen, ja.“

„Backt er auch Brekkies?“

Beginn mit einer Katze ein Gespräch über die verwickelten Probleme der EU-Erweiterung und du landest unausweichlich bei Torten und Brekkies. Das unterscheidet uns von ihnen. Wir plaudern locker bei Wein und Pizza, und zehn Minuten später streiten wir uns über Angie und Gerhard. Nachdem ich die Brekkie-Frage negativ beantwortet habe, fragt sie listig: „Könntest du den Bäcker am Bahnhof nicht bitten, seine Kunst auch einmal mit Brekkies zu versuchen?“

Ich schüttele den Kopf. „Der ist Mitglied im Hundezüchterverein. Eher backt Frau Merkel ein türkisches Brot als der Bäcker Katzenkuchen.“

Es dauert eine Weile, bevor sie diese Nachricht verdaut hat. Dann, als ich schon glaube, sie sei eingeschlafen, meldet sie sich wieder: „Findest du es nicht merkwürdig, dass ein Mann, der Hunde züchtet, so tolle Hochzeitskuchen backen kann?“

Ich winke ab. „Es gibt sogar Politiker, die haben andere bestochen, begünstigt, verleumdet, belogen und unter Druck gesetzt, und kassieren trotzdem eine fette Rente.“

„Eine fette Ratte?“ Sie bearbeitet ihr Ohr so heftig mit der Pfote, dass sie „Nagetier“ versteht, wenn „Ehrenvorsitzender“ gemeint ist. Mir bietet sich dadurch die Gelegenheit, das Thema zu vertiefen. „Hochzeitskuchen sind allgemein zu fett und zu süß. Die würden dir nicht bekommen. So süße Sachen isst man im Orient, und zwar nicht nur bei Hochzeiten.“

„Warst du schon mal im Orient?“

„Klar, wenn auch nicht bei einer Hochzeit.“

„Auch in der Türkei?“

„Auch in der Türkei. Warum?“

„Ach, ich habe da was von einer privilegierten Partnerschaft gehört. Kannst du mir erklären, was das ist?“

Womit wir wieder am Anfang wären.

„Warum fragst du nicht einen Türken?“

„Hab’ ich ja. Der meinte, ich solle einen Philosophen fragen.“

„Und? Hast du?“

„Ja.“

„Na und? Was hat er gesagt?“

Sie kaut ein wenig an ihren Krallen, bevor sie antwortet: „Er meinte, er sei kein Eheberater. Aber ein gutgläubiger Idiot würde es mir vielleicht sagen können. Und deshalb“, Frau Hoffmann richtet sich auf, ihre Vorderpfoten stehen wie eine Säule vor einer schönen Fassade, „deshalb frage ich dich!“

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben