Berlin : Türme für Huhu und Hallihallo - Vom Müggelturm bis zum Hi-Flyer am Potsdamer Platz

Thomas Loy

Warum streben Menschen nach oben? Keuchen und fluchen auf der 171. Stufe einer scheinbar endlosen Himmelstreppe, um wenig später freudestrahlend auszurufen: "Das hat sich aber gelohnt"?

Die erschöpfte Dame umfasst die Gitterstäbe des schmalen Rundgangs unter der Goldelse und schmilzt dahin: "Ist das schön." Früher wurden in ähnlichen Käfigen Andersgläubige an die Kirchtürme gehängt, wo sie langsam verdorrten. Doch unter der Viktoria, auf ca. 89 Meter über dem Meeresspiegel, haben Liebende aller Kontinente ihre Zeichen aufgemalt. In der Enge wird gedrückt und geknutscht, was das Zeug hält. Die Siegessäule ist ein Muss für Rucksacktouristen auf der Suche nach der Mitte der Stadt und ein wenig Zärtlichkeit. Um sich der Hektik entheben zu können, dem geschäftigen Ameisenhaufen für ein paar Minuten zu entfliehen, mussten in der flachen Metropole allerlei Türme gebaut werden. Auf ihnen lässt sich das Stadtpanorama von Südost nach West auf einer Höhe zwischen 100 und 200 Meter bequem durchqueren.

Wir beginnen am Müggelturm, dem weißen Hochkant-Viereck auf den Müggelbergen, einem Treppenhaus aus den 70er Jahren nicht unähnlich. Vormittags ist es angenehm ruhig, weil das Restaurant erst um zwölf Uhr aufmacht. Nur ein Papa hat sich mit digitaler Kamera und Tochter die 126 Stufen hinaufgequält. Papa macht seine Schwenks über den diesigen Horizont, während Tochter "Huhu" zur fußkranken Verwandtschaft am Boden ruft. Zurückkommt ein "Hallihallo". Von hier oben ist Berlin nur eine Kleinstadt im Dschungel. Nach rechts verlaufen sich die blassweißen Kreidefelsen Marzahns und Hellersdorfs im Dunst. Im Blickfeld tanzen schon die Mücken.

Nächster Höhepunkt der Stadtlandschaft ist der Fernsehturm, mit seiner Gesamthöhe von 368 Metern natürlich touristisch ein Muss. "Donnerwetter", sagt ein Papi, als Mami, als Kundschafterin ausgeschickt, die Höhe bekannt gibt. Der Fernsehturm gehört nämlich zur World Federation of Great Towers und damit zur ersten Liga der Hochbauten. Leider hat der Turm nur zwei Fahrstühle, die schlappe sechs Meter pro Sekunde zurücklegen. Das Warten wird mit interessanten Angeboten versüßt, etwa einer charakterlichen Inspektion mittels Unterschrift-Analyse, einem Ferngläser-Verleih und dem persönlichen Computerfoto auf der Kaffeetasse - für nur 25 Mark. Nach einer halben Stunde ist das Kassenhaus erreicht, und das Volk zahlt ohne Murren immer wieder neun Mark, um endlich dem Boden entrissen zu werden. Oben ist gleich wieder Stau am Eingang zum Restaurant. Also bleibt nur, durch verschlierte Fenster auf Berlin zu gucken. Es muss gesagt werden: vom Fernsehturm aus sieht die Stadt nicht schön aus. Im Osten stehen die Arbeiterschließfächer, im Westen herrscht farbenfressendes Gegenlicht. Das Leben zwischen den Betonwürfeln ist kaum zu sehen. Die Aussichtsplattform ist einfach zu hoch.

Also wieder runter und rüber zum Reichstag. Hier sind die Schlangesteher geradezu fröhlich, nehmen Kontakt mit ihren Nachbarn auf, enträtseln die Länderwappen an der Fassade und sind mit der Leistung der Architekten Wallot und Foster sehr zufrieden. "Wahnsinn, wa, so hohe Säulen." Anerkennung findet, dass jemand Brezeln und Wasser auf einer Schubkarre feilbietet und Putzfrauen Kippen von den Stufen fegen. "Es gibt doch soviel Arbeit in Deutschland." Oben auf der Kuppel präsentieren sich ringsum die Baustellen der neuen Hauptstadt. Wer davon genug hat, lehnt sich zurück und kann direkt in den Himmel über Berlin schauen. Doch für Stadtaufsichten ist der Reichstag einfach zu niedrig.

Im Kollhoff-Hochhaus, Potsdamer Platz 1, fährt seit ein paar Tagen der "schnellste Fahrstuhl Europas" in 90 Meter Höhe. Die sechs Mark Eintritt sind für den kleinen Raketenstart gut angelegt. 20 Sekunden braucht der Lift für die 90 Meter. Die Höhe ist für den Blick auf Kulturforum, Daimler-City, Sony-Center und das Areal um das Abgeordnetenhaus ideal. In dieser Hinsicht hat die Info-Box ausgedient. Leider verstellt das Sony-Hochhaus die Sicht auf den Reichstag. Die beiden übereinander liegenden Wandelgänge haben mit ihren Säulen und Verstrebungen beinahe den Charakter einer Kathedrale. Leider hält auch hier ein massives Gitter den Besucher gefangen.

Der nächste Anlaufpunkt für Weitsichtfreunde wäre eigentlich der 150 Meter hohe Funkturm auf dem Messegelände, aber wegen einer privaten Veranstaltung ist die Besucherplattform drei Tage lang geschlossen. Außerdem ist der Montag - wie auch am Potsdamer Platz - Ruhetag. Also weiter zum westlichen Beobachtungspunkt, dem Grunewaldturm auf dem Karlsberg, eigentlich der schönste Aussichtsturm Berlins. Im Sockelgewölbe steht der alte Kaiser Wilhelm, beseelt vom Abendlicht, das durch die Fenster dringt. 182 Stufen geht es über ihn hinweg auf die Plattform. Dort lässt sich stundenlang weltvergessen auf das Breite Band der Havel schauen. Touristen kommen selten, hier knutscht eher die Berliner Jugend, unter dem Gurren der hauseigenen Taubenpopulation. Nach dem Knutschen dann unvergleichlich lakonische Landschaftslyrik: "Voll viel Wald, ey - von hier sieht Berlin echt krass aus."

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