Tunesier nach Attentat am Breitscheidplatz : „Wir sind alle Berliner“

8000 Tunesier leben in Berlin. Nach dem Anschlag am Breitscheidplatz durch einen Landsmann trauern auch sie um die Opfer.

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Nicht nur am Breitscheidplatz wird getrauert.
Nicht nur am Breitscheidplatz wird getrauert.Foto: imago/Stefan Zeitz

Normalerweise feiern die Tunesier in diesen Tagen den Jahrestag ihrer „Revolution der Freiheit und Würde“, mit der am 14. Januar 2011 in Tunis der Weg zur Demokratie begann. Doch der 6. Jahrestag der Revolution ist durch den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz durch den Tunesier Anis Amri überschattet. Unter dem Motto „Solidarität mit Berlin“ hatten der Botschafter der tunesischen Republik und Vertreter der in Berlin tätigen tunesischen Vereine und Verbände zu einer gemeinsamen Feier in den mit deutschen und tunesischen Fahnen und Blumengebinden geschmückten Festsaal des Rathauses von Charlottenburg-Wilmersdorf geladen.

Tunesische Fahnen hingen im Rathaus Charlottenburg

Nach dem Abspielen der beiden Nationalhymnen erhob sich der ganze Saal zu einer Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags – „Wir sind alle einig gegen den Terrorismus“, stand auf Deutsch und Arabisch unter dem Bild des in den deutschen Farben angestrahlten Brandenburger Tores, das an die Wand projiziert wurde. Botschafter Elyes Kasri erinnerte in seiner Rede an die Errungenschaften der demokratischen Transformation Tunesiens und betonte zugleich: „Wir trauern heute um den Verlust von vielen unschuldigen Menschen, die unglücklicherweise durch einen Landsmann ums Leben gekommen sind. Wir sprechen den Angehörigen unser Beileid aus und wünschen den Verletzten baldige Genesung. Die tunesische Regierung und die tunesische Zivilgesellschaft verurteilen diesen Akt des Terrorismus. Er steht im Widerspruch zur Tradition des tunesischen Volkes“, sagte Kasri.

Blick in den fahnengeschmückten Festsaal des Rathauses Charlottenburg-Wilmersdorf
Blick in den fahnengeschmückten Festsaal des Rathauses Charlottenburg-WilmersdorfFoto: RB

Laut einer aktuellen Umfrage sei Deutschland mit 93 Prozent mit Abstand das beliebteste Land in Tunesien, nur fünf Prozent lehnten es ab, das sei in der Statistik der Ablehnung der letzte Platz. Er hoffe, dass die Tat eines Einzelnen nicht auf das Image Tunesiens abfärbe. Kasri erinnerte mit Stolz an den tunesischen Film, der 2015 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen habe, es ging um einen Tunesier, der sich gegen die Auswanderung entschieden habe. Die BVV-Vorsitzende Annegret Hansen (SPD) verlas eine Grußbotschaft des stellvertretenden Bezirksbürgermeisters, der sich dankbar zeigte für diese Geste Tunesiens, die Gedenkfeier in Charlottenburg abzuhalten, wo die Botschaft zu Hause ist und wo der Anschlag stattfand. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller sprach sich in einer verlesenen Grußbotschaft dagegen aus, jetzt ganze Länder unter Generalverdacht zu stellen.

Einblendung während der Schweigeminute für die Opfer des Anschlags im Saal.
Einblendung während der Schweigeminute für die Opfer des Anschlags im Saal.Foto: RB

Die Idee zu dieser Veranstaltung hatte Botschafter Kasri, der auch die Anregungen der tunesischen Zivilgesellschaft in Berlin – hier leben 8000 Tunesier – aufnahm, etwas zu tun. Zum ersten Mal habe man jenseits politischer Differenzen gemeinsam eine Veranstaltung geplant, um die deutsch-tunesische Freundschaft zu stärken. Vertreter tunesischer Vereine traten nacheinander ans Mikrofon, um ihre Solidarität mit den Opfern und den Angehörigen auszudrücken. „Tunesier sind seit über 50 Jahren gut in die deutsche Gesellschaft integriert, sie haben als Arbeiter, Studenten, Ingenieure und Ärzte zum Aufbau der deutschen Gesellschaft beigetragen“, sagte Mohamed Othmani vom Koordinationsrat der Tunesischen Vereine in Deutschland. Er hat auch ein Video über die spontanen Beileidsbekundungen der Tunesier am Breitscheidplatz produziert. „Ich bin einer Berliner“, sagt er.

"Eigentlich ist ein Feiertag, aber wenn man einen Toten hat, feiert man leise"

„Heute ist eigentlich ein Feiertag, aber wenn man einen Toten hat, feiert man leise“, sagte Ezzedine Neji von der Zeitung „Al Kantara“. „1966 stand ich am 17. Juni, damals ein Feiertag, an der Gedächtniskirche. Am 19. Dezember war ich wieder da, aber ich habe nur geweint – dieses Land hat uns so viel ermöglicht“, sagte er sichtlich bewegt. „Mein Sohn hat in der Bundeswehr gedient und ich habe drei deutsche Schwiegersöhne“, ergänzte er. In dem Video, das Othmani produziert hat, appelliert er an seine Landsleute: „Ihr müsst den Behörden helfen, Ihr müsst alles sagen, was Ihr wisst.“ Die zahlreichen deutschen und tunesischen Redner aus dem Bundestag, den Bezirken, dem Auswärtigen Amt, sprachen den Angehörigen ihr Mitgefühl aus und versicherten sich der gegenseitigen Solidarität, nur gemeinsam könne man dem Terror widerstehen. Botschafter a.D. Horst-Wolfram Kerll forderte wie viele andere auch, Tunesien nicht im Stich zu lassen. „Wir teilen Schmerz und Sorgen, wir sind alle Berliner“, sagte Botschafter Kasri am Ende der Veranstaltung. In Tunesien hat die tunesische Zivilgesellschaft geholfen, den Demokratisierungsprozess zu retten, dafür bekam sie den Friedensnobelpreis. In Berlin haben Tunesier Mitgefühl, Anteilnahme, Solidarität und Freundschaft gezeigt.

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