Berlin : Tunnelblick durch die Promillebrille

Polizei und Autoclubs bereiten Jugendliche auf den Modellversuch „Führerschein mit 17“ vor

Daniela Martens

Maurice hält die Hände schützend über seinen Kopf, als wolle er Schläge abwehren. Tief gebeugt, mit eingezogenem Kopf schwankt er unter einer brusthoch angebrachten Stange hindurch. Auf der Nase trägt der blonde 16-Jährige eine Art Schweißerbrille – die „Rauschbrille“. Dadurch sieht er den Hindernisparcours, den er überwinden soll, verzerrt und undeutlich – als habe er zu viel Alkohol getrunken und nun etwa 1,5 Promille im Blut: Slalomlaufen, so stellten Maurice und seine Mitschüler von der Steglitzer Johann-Thieneman-Hauptschule gestern fest, lässt sich in diesem Zustand nicht besonders gut.

Seit Anfang Februar beteiligt sich Berlin am Modellversuch „Begleitetes Fahren ab 17“. Bis zum 2. März können sich 16- und 17-Jährige im Rathaus Zehlendorf über die neuen Führerscheinmöglichkeiten informieren. Polizei, Feuerwehr und Organisationen wie der Autoclub Europa oder die Guttempler haben die Veranstaltung für Schulklassen organisiert. Vor allem um die Gefahren des Autofahrens geht es, um Alkohol und Drogen am Steuer: Von einer Stellwand blickt ein hübsches Mädchen – ein Zeitungsausschnitt. „Süße Peggy (17) vom Freund totgefahren“ steht unter dem Foto.

Mit der Rauschbrille auf der Nase hat Maurice inzwischen keine Zweifel mehr, dass es gefährlich ist, seine Sinne nicht unter Kontrolle zu haben. „Mir ist schlecht“, stöhnt er am Ende des Parcours. Alkohol trinke er nur selten. „Der schmeckt mir nicht.“ Andere aus seiner Klasse haben weniger Probleme mit dem vorgetäuschten Rauschzustand. Leicht schwankend, aber nicht besonders unsicher kurven sie zwischen den Hindernissen umher. „Du hast zu viel geübt – und zwar mit Alkohol im Blut“, rufen ihre Freunde dann spöttisch aus der Zuschauerecke.

In einer anderen Ecke des Saales hat Christian gerade eine Frage über Vorschriften für Fußgänger im Verkehr falsch beantwortet – beim Quiz der Dekra. Der 17-Jährige wird noch ausreichend Gelegenheit haben, sich Gedanken über Fußgänger zu machen. Denn das will er noch eine ganze Weile bleiben: „In Begleitung Auto zu fahren ist doof“, sagt er mit Überzeugung. Er will sofort allein im Auto sitzen, wenn er seinen Führerschein hat. Und wartet deshalb mit der Fahrprüfung lieber bis zu seinem 18. Geburtstag. „Das sehen eigentlich alle aus meiner Klasse so“, sagt er. Anscheinend hat er damit Recht, doch die Argumente gegen den Führerschein mit 17 sind sehr unterschiedlich: „Klar bringt begleitetes Fahren mehr Sicherheit, aber ich will mir nicht reinreden lassen“, sagt zum Beispiel Mathias. „Mein Vater auf dem Beifahrersitz würde mich zu nervös machen“, sagt Annika. Und Jaqueline hat das Gefühl, sie sei noch nicht vorsichtig genug mit 17.

Dekra-Mitarbeiter Ralf Paul vom Quizstand wundert sich ein bisschen über die einhellige Ablehnung: „Bei den beiden Gymnasialklassen, die vorher hier waren, war das anders.“ Die meisten hätten schon einen Antrag für den Führerschein mit 17 gestellt.

Lehrer können ihre Schulklassen unter Tel. 46644 81221 zu der Veranstaltung anmelden.

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