Tunnelparty als Einheitsfeier : Drinnen und draußen statt Osten und Westen

Am Vorabend des 3. Oktober wurde im einst zugemauerten Gleimtunnel zwischen Prenzlauer Berg und Wedding getanzt – und nach der Verbindung zwischen Ost und West gesucht.

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Tunnel offen: Der Gleimtunnel war einst zugemauert, am Vorabend des 3. Oktober wurden dort 20 Jahre deutsche Einheit gefeiert.
Tunnel offen: Der Gleimtunnel war einst zugemauert, am Vorabend des 3. Oktober wurden dort 20 Jahre deutsche Einheit gefeiert.Foto: Oberländer

Zwanzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung markiert der Gleimtunnel nicht mehr die Grenze zwischen Ost und West – sondern die zwischen drinnen und draußen. An jedem der beiden Tunneleingänge, in fünf Metern Höhe, hängt ein metallenes Schild, es dreht sich im Wind: „Rein“ steht auf der einen Seite. „Raus“ auf der anderen. Was ist denn das jetzt schon wieder für eine Grenze? Und dann auch noch am Vorabend des Einheitstages? Eigentlich soll die Party im Gleimtunnel, dem 130 Meter langen, ehemals zugemauerten Verbindungstunnel zwischen Wedding und Prenzlauer Berg, doch eine verbindende Wirkung haben?

Das Schild solle natürlich irritieren, sagt Franka Silberstein vom Projektbüro „Kulturvorrat“, die die Künstlergruppe D.N.K. Filoart bei der Einweihung des Kunstprojekts vertritt. Denn gerade an diesem symbolträchtigen Ort stelle sich die Frage nach wie vor: Migrantenbezirk oder Szenekiez? Wer ist „drin“, wer ist „draußen“?

Günter Schanzmann hat seine eigene Antwort gefunden. Der 75-Jährige ist aus dem Westen nach Berlin gekommen, wohnt im Gleimviertel, arbeitet aber als Lesepate an der Rudolf-Wissell-Grundschule in Wedding, engagiert sich dort auch im Elternvorstand. „So versuche ich, für mich selbst die Verbindung zu schaffen.“ Zwischen Ost und West, meint er, zwischen den Bezirken.

Christian Hanke, SPD-Bezirksbürgermeister von Mitte und Schirmherr der Tunnelparty, muss genau das jeden Tag tun. Schon zwischen einzelnen Kiezen im Bezirk Mitte seien schon die Unterschiede zwischen einzelnen Kiezen riesig – und die zu Wedding seien noch größer. „Da ist die Bernauer Straße immer noch eine Demarkationslinie“, sagt Hanke beim Gespräch am Getränkestand. Die Kommunalpolitik habe die Aufgabe, dies alles zusammenzubringen, durch Bildungsprojekte etwa. Und durch eine Politik, die „Aufwertungsprozesse“ fördert, aber „Verdrängungsprozesse“ verhindert.

Rein in den Szenekiez oder in den Migrantenbezirk: Das Drehschild am Tunnel zwischen Prenzlauer Berg und Wedding.
Rein in den Szenekiez oder in den Migrantenbezirk: Das Drehschild am Tunnel zwischen Prenzlauer Berg und Wedding.Foto: Oberländer

Und natürlich auch durch eine Veranstaltung wie die Tunnelparty. Zum vierten Mal findet die Party bereits statt – und in diesem Jahr sei es „die beste Party, die wir je hatten!“ freut sich Veranstalterin Nuran Celik. „Wir wollten eine Brücke bauen zwischen den beiden Welten, Leute von beiden Seiten sollten kommen – und sie kommen!“

Der kopfsteingepflasterte Raum füllt sich zusehends mit den unterschiedlichsten Menschen: Jugendliche, Studenten, junge Eltern mit ihren Kindern, Punks und ältere Damen. Würstchen und türkische Sucuk werden gegrillt, Bier und Limo verkauft, die Musik wummert, die Band „The Mint“ spielt, die Leute wippen mit. Hier ist niemand „draußen“.

„Der Tunnel ist zum Begegnungsort geworden“, sagt die Weddinger Quartiersmanagerin Alev Deniz, die vor vier Jahren die Idee zu der Party hatte. Als Hauptact ist die DJane Ipek angekündigt, „wenn sie auflegt, stürmen die türkischen Frauen die Tanzfläche“, lacht Deniz. Sie ist eine dieser Frauen.

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