Turmstraße, ahoi! : Moabits inoffizieller Bürgermeister macht klar Schiff

07.11.2011 15:24 UhrVon Gunda Bartels
Die Gegend um den U-Bahnhof Turmstraße gehört zum Revier von Frank Wolf. Gelegentlich verwandelt er sich in eine Art Traumschiffkapitän mit Zwirbelschnauzer, genannt Kapitän Kiez. Fotos: Doris Spiekermann- Klaas
Die Gegend um den U-Bahnhof Turmstraße gehört zum Revier von Frank Wolf. Gelegentlich verwandelt er sich in eine Art Traumschiffkapitän mit Zwirbelschnauzer, genannt Kapitän Kiez. - Fotos: Doris Spiekermann- Klaas

Kiezaktivist, Akrobat, Rapper: Frank Wolf lebt nicht nur in Moabit, er kümmert sich auch drum „Einfach mal machen“ ist sein Prinzip – ob auf der Bühne im Wintergarten Varieté oder auf der Straße.

Wo mal die Ohren waren, hängen jetzt nur noch Fransen am Kopf. So heftig ist die begeisterte Wortkanonade, mit der Frank Wolf einen beschießt. Ohne Punkt und Komma, stundenlang. Das Komische daran – man freut sich auch noch darüber. Denn der inoffizielle Bürgermeister von Moabit, wie Wolf sich in der Rolle der von ihm geschaffenen Kunstfigur Kapitän Kiez nennt, ist eine ziemlich erfrischende Erscheinung. Ein Aktivist und Showman, Rapper, Blogger und BMX-Artist, dem seine Heimat Moabit sehr ernsthaft am Herzen liegt.

Schwer zu glauben, wenn man die verlauste Turmstraße Richtung Rathaus-Café entlang geht. Auf der wollen selbst die Schnorrer nur 20 Cent, verhökern zwielichtige Obsthändler Dumping-Äpfel aus Heckklappen und ein Imbiss bietet „nur im Kaltverkauf“ – zehn Wiener für 2,50 und sechs Knacker für 2,90 Euro an.

Sicher Freibank-Ware, brrrr.

Das Café gegenüber vom Rathaus ist zur Zeit noch Frank Wolfs inoffizielles Bürgermeisterbüro. In ein paar Monaten, am 1. Februar, macht er dann seinen eigenen Nachbarschaftstreff auf. Das Café Moabit in der Emdener Straße 55, wo jetzt auch schon gelegentlich eine Baustellenbespielung läuft. Wenn Wolf nicht gerade als Netzwerker durch den Kiez streift, auf der Bühne des Wintergartens in der Show „Forever Young“ professionell auf einem Fahrrad turnt, Vereinssitzung hat, oder auf seiner Baustelle werkelt, sitzt er hier. Gleich beim Reingehen quatscht ihn ein Nachbar an und dankt ihm für seinen Einsatz beim Aufmöbeln des Turmstraßenfestes im September. „Weiter so“, sagt der Mann und klopft Wolf auf die Schulter. Nein, den habe er nicht extra herbestellt, grinst Wolf.

Seit er 2009 mit einer Demo und Unterschriftensammlung die Schließung der Rathaus-Kantine verhindert hat, kennen und mögen ihn viele. Und jetzt, wo aus seinem Blog moabit-ist-beste.de ein rühriger Verein gleichen Namens geworden ist, der beim Turmstraßenfest eine Kiezbühne bespielt oder für ein Moabiter Freibad am alten Poststadion in der Lehrter Straße kämpft, nehmen sie ihn auch im Rathaus wahr. Obwohl oder gerade weil er gelegentlich als Kapitän Kiez in einer weißen Karnevalsuniform unterwegs ist. Bezirksbürgermeister Christian Hanke sagt, er pflege ein gutes kollegiales Verhältnis zum inoffiziellen Bürgermeister. Sie seien auch schon gemeinsamen Amtsgeschäften nachgegangen. „Ich halte Frank Wolf für einen talentierten Kiezaktivisten, mit dem man gemeinsam in Moabit was bewegen kann.“

Wolf ist 38 und hat zig Sachen am Start. „Einfach mal machen“, das ist sein Prinzip. War es immer schon. Er ist in Wedding geboren und lebt seit 32 Jahren hier im Dreh. Die Eltern sind Altenpfleger, er hat Gas-Wasser-Installateur gelernt. Das ist das Eine. Daneben hat er seine Zeit in der Jugendsubkultur zum Beruf gemacht. Das ist das Andere.

Hier wache ich. Kapitän Kiez. Foto: privat
Hier wache ich. Kapitän Kiez. - Foto: privat

Frank Wolf war Sprayer, Rapper und Straßenartist. Mit ein paar anderen BMX-Jungs turnte er Ende der Neunziger regelmäßig am Wasserklops auf dem Breitscheidplatz. Dann ging's in den Kinderzirkus der Tempelhofer UFA-Fabrik. Dessen Chef Yuppy – „mein Freund und Mentor“ – habe ihn auf die Bühne gebracht, sagt er. Und Konflikte mit Wolfs Vater ausgetragen, weil er den Jungen ermunterte, von der Artisterei zu leben. Der Kompromiss: tagsüber Realschule und Lehre, abends Engagements im alten Quartier Latin oder im Chamäleon Varieté. „Eine völlig fremde Welt“, staunte Wolf. Deutlich mehr Las Vegas als Moabit.

Und natürlich war und ist er Hip-Hopper, hat Partys organisiert, Rapper produziert und als Doa21 – die alte Postleitzahl von Moabit – sogar eine gefällige Nummer beim Major Sony BMG eingespielt. „Zeig mir deine Karre“ heißt sie. Das Video im Protz-Rapper-Stil mit zwei Gogo-Girls ist bei You Tube zu sehen. „Ist gnadenlos gefloppt“, grinst Wolf. Das Ding sei für die Autofreakszene bestimmt gewesen. „Doch die fanden's scheiße, voll die Krankheit.“ Er selbst fährt einen Mercedes CLS. „Damit über die Autobahn zu Auftritten zu brettern, ist eigentlich meine einzige Freizeit.“

Seiner Streetcredibility in Moabit hat der Flop nur genützt. 300 Kids aufzutreiben, die bei seiner nur fürs Netz produzierten Moabit-Hymne „Mein Herz schlägt für 21“ mitgesungen haben, ist für ihn kein Ding. Sie kennen ihn, weil er seit ewig Feten oder Fußballspiele im Kiez organisiert. Jugendarbeit sei wichtig, sagt er. „So'n kultureller Schub bringt die Jungs von der Straßenecke weg, da können sie mal Luft holen.“ Hinterher redeten die dann nicht mehr davon, wem sie auf die Schnauze gehauen hätten, sondern darüber, dass in Moabit was los sei.

Sozialarbeit, Eigenwerbung und Identitätsbildung – das ist es, was Frank Wolf macht. „Manche spielen Playstation, ich spiele Moabit-ist-beste“, sagt er. Knapp ein Jahr ist Kapitän Kiez jetzt im Amt, 40 Mitglieder hat der von ihm im Juli gegründete Verein bereits, alle sechs Wochen treffen sie sich mit Gästen zu Kiezthemen und -initiativen am runden Tisch, 5000 Facebook-Freunde hat dessen Seite.

Auf einem Kinderfahrrad herumturnen sei auf Dauer keine Lebensperspektive, sagt Frank Wolf. Auch wenn das super laufe und das damit verdiente Geld sein Kiez-Engagement subventioniert. Vielleicht werde ja das Café eine. Er ist keiner, dem es reicht, in den Posen seiner Jugend alt zu werden. In Moabit dagegen schon. Das sei sein Zuhause, sein Wohnzimmer, das wolle er sich schönmachen. „Aber nicht zu schön. Wie eine WG, in der alle ihre Zimmer haben und man trifft sich regelmäßig in der Küche.“ Gunda Bartels

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