Berlin : Turnier an der HU: Schachmatt dem Champion

Christian Domnitz

Ganz und gar ausgeflippt muss das Spiel werden, der Meister darf die Stellungen noch nie gesehen haben: Nur mit einer ungewöhnlichen Strategie, so hat es sich Klaus Kapr überlegt, kann er den Ex-Schachweltmeister in die Knie zwingen. Denn die knapp tausend Standardsituationen beherrscht der Meister auswendig - keine Chance für Amateure wie Kapr: Der 47-jährige Mitarbeiter einer Werbeagentur spielt jeden Freitagabend im Lichtenberger Schachclub "Einheit Friesen".

In einem Simultan-Schachturnier an der Humboldt-Universität traten am Mittwochabend 25 Schach-Enthusiasten gegen den "Großmeister" an, wie sie ihn nennen: Alexander Khalifman ist in Berlin, der Weltmeister von 1999 aus Sankt Petersburg. Außen an einem U-förmigen Tisch sitzen die Spieler vor 25 Brettern, innen wird der 35-jährige Russe im schwarzen Anzug seine Runden drehen: Ein Zug je Spieler, dann geht er weiter zum nächsten. 25 Denker gegen einen. 25 Männer: keine Frau.

Khalifman beginnt: 25 Mal schiebt er den gleichen Bauern um ein Feld nach vorn. Seine Bewegungen scheinen einstudiert, er zieht im Gehen. Sein zweiter Zug: 25 Mal den rechten Springer vor die Bauernreihe gesetzt. Die Gegner notieren: "Springer g1-f3". Ab der dritten Runde variiert Khalifman. Da legt Klaus Kapr los: Schon nach fünf Zügen haben sich er und der Großmeister gegenseitig die Damen geraubt. Unnormal!

Seinen Gegnern sieht Khalifman nie in die Augen, er blickt auf die Bretter, beugt sich über sie, stützt sich mit den Fäusten auf den Tisch, breitschultrig, wie ein Tiger vor dem Sprung. Die Spieler schauen Khalifman an, wenn er vor ihnen steht. Klaus Kapr nicht. Vor ihm lehnt sich der Großmeister zurück, streicht sich mit Zeigefinger und Daumen über den Nasenrücken: Kapr hat den Springer des Großmeisters "gefesselt" - Khalifman kann ihn nicht wegnehmen, ohne den eigenen König dem "Schach" auszusetzen. Er muss ihn um ein Feld verschieben. Strategisch gesehen ist das ein verlorener Zug. Kapr versteckt seine Augen hinter den Lesegläsern, lässt sich die Freude nicht anmerken. Erst als Khalifman weg ist, wagt er einen Blick über die Brille.

Nebenan wartet ein junger Spieler darauf, vom Großmeister hinweggefegt zu werden. Vor seinem König steht eine Mauer aus Dame, Turm und Springer. Doch es erwischt erst einen anderen: Gegenüber gibt zwei Stunden nach Spielstart der erste Spieler auf. Sein König hätte vor Khalifmans schneller Dame nicht mehr flüchten können.

Auf dem Brett vor Kapr ist die Spielfeldmitte leergeräubert, doch er achtet darauf, dass er nur so viele Figuren verliert, wie er Khalifman rauben kann. Hinter seinem Sitz bildet sich eine Zuschauertraube. Seine glatte, große Stirn legt sich manchmal in Falten, seinen Kopf stützt er auf den Arm: Sieben Minuten Bedenkzeit hat Kapr für einen Zug, Khalifman lässt sich für ihn eine halbe Minute Zeit - mehr als für andere.

Den jungen Spieler nebenan hat es erwischt: Khalifmans Dame steht seinem König direkt vor der Nase, beschützt von einem Springer. Die Flucht nach hinten wäre nach einem Zug des Großmeisters zu Ende. Der Besiegte muss eine Runde warten, die Zuschauer betrachten die ausweglose Situation auf dem Brett. Dann wirft er seinen König um, nimmt seine Tasche und geht. Auch auf Schachturnieren sind Verlierer einsam.

Kapr wildert nun mit seinem Springer in den Reihen des Großmeisters. Nach dem 36. Zug gibt Khalifman auf, reicht Kapr die Hand: Kapr ist einer der zwei Gewinner an diesem Abend. Es gibt sechsmal Remis, siebzehn Spieler haben die Partie gegen den Champion verloren. "Ich habe ihn in eine hoffnungslose Position gebracht!", freut sich Kapr. Was macht er in den nächsten Tagen? "Ich werde mich an den Computer setzen und das Spiel Zug um Zug analysieren."

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