Berlin : Tussi aus dem Teutoburger Wald

Zum „Weltgästeführertag“ erklären heute sieben Stadtführer gemeinsam die kürzeste Allee Berlins

Jens Mühling

Wenden Sie jetzt bitte den Blick nach links! Was Sie dort sehen, ist … nun ja, ein BVG-Fahrer, der in die Büsche pinkelt. Gleich daneben lädt die Imbissstube „Curry-Eck“ zum Verweilen ein, gegenüber erfreut ein „Internet-Tele-Café“ das Auge mit quietschbunter Außenwerbung, und nebenan stellt ein kleiner Kiezfrisör in wackliger Schreibschrift das Sonderangebot des Tages vor: „Dauerwelle mit Schneiden & Föhnen 30 Euro“.

Auf den ersten Blick bietet die Thusnelda-Allee nicht übertrieben viele Sehenswürdigkeiten. Auf knapp 50 Metern verbindet die kürzeste Allee Berlins zwei abgasgeschwängerte Magistralen: die Turmstraße und Alt-Moabit. Wenn sich heute dennoch gleich sieben Stadtführer auf einmal dieser Straße annehmen, dann steckt dahinter so etwas wie sportlicher Ehrgeiz. Heike Graef vom neu gegründeten Fremdenführer-Kollektiv „Stadtforscher“ wollte sich einfach nicht damit abfinden, dass die Thusnelda-Allee als „Stätte der Ereignislosigkeit“ (FAZ) in die Berliner Annalen eingeht. Denn: „Gerade anhand einer Straße wie dieser lässt sich dem Betrachter am besten vermitteln, dass man nur genau hinsehen muss, um Stadtgeschichte überall zu entdecken.“ Deshalb wird die kürzeste Allee Berlins heute zum Schauplatz der „kürzesten Stadtführung Berlins“: Heike Graef und ihre Kollegen werden sich an sieben Punkten der Straße postieren und ihren Gästen in fünfminütigen Vorträgen ausgewählte Aspekte der Thusnelda-Allee erläutern – und dabei so ziemlich jede Epoche der Berliner Stadtgeschichte streifen.

Was wie fremdenführerische Fließbandarbeit klingt, ist in Wirklichkeit eine einmalige Werbeveranstaltung, mit der Heike Graef und ihre Kollegen auf ihr Projekt „Stadtforscher“ aufmerksam machen wollen. Beteiligt sind daran ein Theaterregisseur, ein Schriftsteller, eine Deutsch-Lehrerin, ein Journalist, ein Künstler, ein Terrorismus-Experte sowie die Kunstwissenschaftlerin Graef. Alle arbeiten bislang nebenberuflich als Stadtführer und träumen nun davon, ihr Hobby zum Hauptberuf zu machen. Ab April wollen sie Erkundungstouren durch ausgewählte Kieze anbieten und daneben ihr jeweiliges Fachwissen nutzen, um spezialisierte Stadtführungen etwa zur Berliner Theatergeschichte anzubieten.

Heute aber geht es zunächst einmal ausschließlich um die Thusnelda-Allee und ihre mehr oder weniger verborgenen Sehenswürdigkeiten, die Heike Graef und ihre Kollegen im Gewaltmarsch durch die Berliner Stadtgeschichte offen legen. „Außer Gott wohnt hier niemand“ lautet der Titel der Tour – denn außer der 1892 erbauten Heilandskirche gibt es an der Straße keine Gebäude. Das Gotteshaus ist allein schon deshalb eine Sehenswürdigkeit, weil es mit 87 Metern zu den höchsten Kirchen Berlins zählt – und deutlich höher ist, als die Allee selbst an Länge misst. Die Grünfläche auf der gegenüberliegenden Seite (das Freigehege des eingangs erwähnten BVG-Fahrers) ist der 1950 eingerichtete Otto- Park, der zum Kleinen Tiergarten zwischen Turmstraße und Alt-Moabit gehört. Am nördlichen Ende der Allee prunkt der Nazi-Bau des Rathauses Tiergarten. Früher befand sich hier der „Arminius-Platz“, und als er 1935 dem Rathaus weichen musste, begruben die Nazis damit einen deutschen Mythos: Die historische Thusnelda war nämlich die Gattin des Cheruskerfürsten Arminius, dem Sieger der Schlacht im Teutoburger Wald.

Dass der Name Thusnelda heute ganz anders konnotiert ist, geht auf Heinrich von Kleist zurück: Der griff den Arminius-Stoff 1808 in seiner „Hermannsschlacht“ noch einmal auf, einem Drama, das Generationen von Gymnasiasten die Figur der Thusnelda verleidete. Irgendwann wurde deshalb „Thusnelda“ zur abfälligen Sammelbezeichnung für Frauen allgemein. Daraus, so will es die Legende, soll irgendwann die Kurzform „Tussi“ geworden sein – und damit endet unsere kleine Führung: Wenn Sie jetzt den Blick nach links wenden, fällt Ihr Blick wieder auf den Kiezfrisör und seine Tussi-Dauerwellen.

Die Führung der „Stadtforscher“ beginnt um 13 Uhr in der Thusnelda-Allee. Näheres unter www.stadtforscher.com.

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