TV-Drama ''Zivilcourage'' : Kreuzberg in düsteren Farben - stimmt das Bild?

Kampfzone Neukölln war schon, jetzt heißt es wieder Kampfzone Kreuzberg. Armut, Gewalt, Kiez der Parallelgesellschaften. Wer sich zu weit aus dem Fenster hängt, bekommt eine auf’s Maul. So war es gestern Abend in der ARD zu sehen, im Fernsehspiel "Zivilcourage".

G,a Bartels
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Wachgerüttelt. Afrim (Arnel Taci) bedroht Jordan (Götz George, links), damit der seine Anzeige zurückzieht. Afrims Freundin...Foto: WDR

Götz George spielt den altlinken Buchhändler und Antiquar Peter Jordan, dem es plötzlich nichts mehr hilft, ein überzeugter Kreuzberger zu sein. Weil er ein paar Typen mit Migrationshintergrund anzeigt, die einen Obdachlosen traktieren, und eine 15-jährige Schülerpraktikantin bekommt, die weder schreiben noch lesen kann, blickt er durchs Ladenfenster nicht mehr ins pittoreske Multikulti-Idyll, sondern direkt in den Abgrund. Soweit die Fiktion. Und die Realität?

Genau so wie im Film ist es rund um das Kottbusser Tor, findet Ramona Berger, „auf den Punkt getroffen“. Sie arbeitet im Copy-Shop Trigger in der Adalbertstraße, im Film die abgeschabte Außenkulisse für den Buchladen von Peter Jordan. Im vergangenen Frühjahr wurde gedreht. Ja, das sei hier ein hartes Pflaster, besonders wenn man Zivilcourage zeige. „Aber alle setzen sich auch sehr füreinander ein.“ Dauernd kopierten die Leute bei ihnen Flyer für irgendwelche Solidaritätsaktionen. Es treffe halt beides zu. „Und in die Situation geraten, bedroht zu werden, kann man überall“, sagt Berger.

Dass für solche Szenarien im Fernsehen dann doch gern der Kotti in Kreuzberg genommen wird statt „überall“, liege am Bezirksmythos und den wohlfeilen Assoziationen wie Krawall, Drogen, Ausländer, die alle damit verknüpften, sagt Ellen Röhner vom Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg. Das früher Kreuzberg Museum genannte Haus in der Adalbertstraße war ebenfalls Drehort für „Zivilcourage“. Was sie von der Filmstory halten? Nicht viel, ist sich Röhner mit der stellvertretenden Museumschefin Ulrike Treziak einig. Natürlich gebe es Analphabetismus im Bezirk und auch ihre Schülerpraktikanten seien nicht alles Einsteins, aber eine deutsche Schülerin, die weder lesen noch schreiben kann? „Quatsch“ sagt Treziak. Auch das Motiv des Obdachlosen als Opfer entspreche nicht ihrer Wirklichkeit. „Muslimische Jugendliche ziehen Klamotten oder Handys ab. Sie verprügeln aus Hass Schwule, aber Obdachlose überfallen sie nicht.“ Im Gegenteil, die bekämen eher was geschenkt. Im Islam gilt Almosenpflicht. Und das Stichwort Zivilcourage? Um die stehe es im Kiez gut, sagt Treziak, die seit 30 Jahren hier lebt. „Wenn man auf der Straße nach Hilfe ruft, kommt garantiert jemand.“ Und Archivarin Ludmilla Budic aus Sankt Petersburg, seit zehn Jahren hier, wundert sich kopfschüttelnd, dass Kreuzberg immer als gefährlich dargestellt wird.

Das erstaunt ein paar Häuser weiter auch Ilyas Adanur. Er jobbt im Telefonshop an der Ecke Oranienstraße, vier Kumpels schauen ihm dabei zu – alle fünf ein ähnlicher Phänotyp wie die gewaltbereiten Jungs aus „Zivilcourage“. Im Gegensatz zum türkischen Buchhändler am Kottbusser Tor spricht der junge Kurde fließend Deutsch. Und Fachabitur hat er. „Hier in Kreuzberg hilft dir jeder“, behauptet auch er. Gunda Bartels

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