Berlin : TV-Empfang: Gehag setzt ihre Mieter unter Druck

Mit falschen Informationen versucht die Wohnungsbaugesellschaft tausende Kunden zum Abschluss neuer Kabelverträge zu bewegen

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Von Jörn Hasselmann

Die Wohnungsbaugesellschaft Gehag drängt ihre Mieter, neue Kabelverträge abzuschließen. Der Gesellschaft, die 20 000 Mieter hat, wird vorgeworfen, dabei die Verunsicherung bei der im Herbst bevorstehenden Einführung des digitalen Fernsehens auszunutzen. „Die machen uns mit Falschinformationen Angst“, ärgert sich ein Mieter – „und sie wollen uns abzocken“. Der Mieterverein warnt dringend davor, neue Verträge abzuschließen.

Um Druck zu machen, wird den Mietern die Abschaltung der bestehenden Antennen- und Kabelanschlüsse angekündigt. Begründet wird dies mit dem bevorstehenden Aus für den analogen Empfang über Antenne. „Die vorhandene Antenne ermöglicht keine Übertragung digitaler Programme“, informierte die Gehag ihre Mieter . Doch das ist falsch. „Hausantennen und Fernseher können weitergenutzt werden“, betont die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB).

Wie berichtet, hat die MABB vor zwei Wochen das Ende des analogen TV-Zeitalters angekündigt. Künftig können in Häusern mit Dachantenne die digitalen Programme nur mit einer „Set-Top-Box“empfangen werden. Als erstes werden am 31. Oktober Pro 7 und RTL 2 abgeschaltet, im Frühjahr die restlichen Privatsender und im Sommer ARD und ZDF. In die freien Kanäle werden 24 Programme gespeist, fast soviel wie im Kabelnetz – und ohne monatliche Gebühr.

Doch das alles verschweigt die Gehag ihren Mietern. Denn die Mieter sollen Kunde werden bei der „AKF-Telekabel TV und Datennetze“ – einer 100-prozentigen Tochter der Gehag. Nach Angaben des Mietervereins ist es bei großen Gesellschaften üblich, dass sie das lukrative Geschäft mit dem Kabel selbst machen wollen. Die Gehag geht kompromisslos vor und lässt den Bewohnern keine Wahl, ärgert sich ein Mieterbeirat. In ihrer Ankündigung der Bauarbeiten – die neuen Breitband-Kabel sollen auf Putz verlegt werden – setzt sie die Duldung durch den Mieter voraus. Ebenso fest steht für die Gehag, dass das Kabel eine „Verbesserung des Wohnwerts“ sei – die auf die Miete umgelegt wird.

Die Gehag-Mieter laufen dagegen Sturm. So hat die Hausgemeinschaft Geisenheimer Straße 45 in Schmargendorf vollzählig Widerspruch eingelegt. Auch in der Gropiusstadt organisieren sich die Bewohner, sagte eine Mieterin. Sie sei nicht bereit, 4 Cent pro Quadratmeter pro Monat mehr zu zahlen. Denn es läppert sich, bei 75 Quadratmetern sind es monatlich 3 Euro. Dazu kommen die Kabelgebühren. Das Gehag-Angebot lautet: Grundversorgung mit zehn Programmen kostet 3,96 Euro pro Monat, die Vollversorgung 9,86 Euro. Wobei die „Grundversorgung“ so attraktive Kanäle wie „Home Shopping Europa“, den Offenen Kanal und den Mischkanal enthält; Standardsender wie RTL und Pro 7 lassen sich erst mit der teuren „Vollversorgung“ empfangen. „Absolut lächerlich“, kritisierte dies ein Mieter: „Die wollen uns die Vollversorgung aufdrängen.“

„Die Gehag setzt ihre Mieter unter Druck“, resümiert der Geschäftsführer des Mietervereins, Hartmann Vetter. Mieter sollten zumindest der Modernisierungsankündigung widersprechen; wer gute Nerven habe, solle die Handwerker gar nicht erst hereinlassen. „Viele durchblicken das Problem gar nicht“, meinte eine Mieterin, die seit 30 Jahren in der Gropiusstadt wohnt. Vetter befürchtet, dass auch andere Vermieter die Einführung des Digital-TV derart ausnutzen.

Dabei wird das Kabel aus Sicht von Medienexperten durch das digitale Fernsehen künftig an Bedeutung verlieren. Denn Kabelkunden können Geld sparen, wenn sie ihren Vertrag kündigen: Die Set-Top-Box kostet derzeit 200 Euro, der Preis wird bis Januar auf 150 Euro fallen, heißt es in der Branche. Kabelkunden dagegen zahlen monatlich 10 bis 15 Euro – nach einem Jahr hat sich die Box, die zwischen Dachantenne und TV-Gerät geschaltet ist, also amortisiert. Die neue Digitaltechnik bietet auch Gehag-Mietern, denen die Dachantenne oder das Kabel abgeknipst wird, eine Rettung: Mit einer taschenbuchgroßen Zimmerantenne gelangen die 24 Programme ebenso in die Set-Top-Box.

Am heutigen Sonntag will die Gehag, die in Berlin über 20 000 Mieter hat, zunächst einmal ihre 4000 Gropiusstadt-Mieter mit einem Straßenfest von ihrer Verkabelungs- Idee begeistern. Gegenüber dem Tagesspiegel wollte die Gehag auf mehrfache Nachfrage keine Stellung nehmen.

Informationen im Internet:

www.berliner-mieterverein.de

www.mabb.de/digital/index.html

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