TXL-Volksentscheid : Der Traum vom Weiterbetrieb

Tegel weckt Nostalgie. Aber an die Gefühle für Tempelhof kommt er nicht heran. Eine Abwägung

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Kennzeichen TXL. Der Kontrollturm des 1974 eröffneten Flughafens. Foto: Imago
Kennzeichen TXL. Der Kontrollturm des 1974 eröffneten Flughafens.Foto: Imago

West-Berlin: Tegel. Der Flughafen ist mit Milliarden von Erinnerungen beladen, die auch heute noch eine Rolle spielen. Sie sind 2012 zum vermeintlichen Abschied nach oben gespült worden, und sie kommen jetzt zurück, weil der Traum vom Weiterbetrieb das Kopfkino erneut mobilisiert. Eines kann allerdings die Tegel-Nostalgie auf keinen Fall bewirken: Der Flughafen Tempelhof mit seiner Luftbrücke-Geschichte hat im Berliner Gefühlshaushalt eine ganz andere Position eingenommen und behalten, er hat Gefühle mobilisiert, die in Sachen Tegel nur behauptet werden.

Tegel war weit entfernt von Rosinenbombern

Tegel betrachten wir nüchterner, als Einrichtung, die einen Zweck zu erfüllen hatte, weit entfernt von Rosinenbombern und Kalter-Kriegs-Düsternis. Der Flughafen war damals aber auch ein Fenster in eine neue Zeit, weil es dort ganz selbstverständlich Dinge gab, die wir in der Stadt noch nicht kannten, zum Beispiel die automatischen Türen, die dann auch in Tempelhof nachgerüstet wurden. Einfach mit zwei Koffern in der Hand losgehen auf die Glasfront, und dann pffft … Gab es damals schon Rollkoffer? Das Allermodernste waren aber die Fluggastbrücken, die, streng funktionell, die Gangway entbehrlich machten, andererseits ein wenig die Aura des Fliegens nahmen, den Weg übers zugige Flugfeld, den Aufstieg nach oben in den Bauch der Maschine, die nun dagegen plötzlich irgendwie Teil des Gebäudes zu sein schien.

Da war nie eine Verlockung

Sehr früh müssen auch die Anzeigetafeln mit ihren ständig klappernden Buchstabenreihen eingeführt worden sein, als Wegweiser, der die Fluggäste jeweils in eine von zwei möglichen Richtungen lenkten: Gate 1 bis 14, mehr war da anfangs nicht, man ging entweder links oder rechts herum, und wer auf 7 oder 8 oben in der Mitte fliegen musste, der konnte beide Wege nutzen oder bewusst den längeren nehmen, um ein wenig Zeit totzuschlagen. Allerdings war da nie irgendeine Verlockung, die an diesen Wegen gewartet hätte. Tegel war nie ein Flughafen, der dazu animiert hätte, überschüssiges Geld für Kaviar oder Handtaschen abzuwerfen.

Dias gibt es nur noch in Baden-Baden

Diese kurzen Wege sind bekanntlich auch heute noch ein Haupt- und Zentralargument der Schließungsgegner: Zwanzig Schritte vom Taxi bis zur Sicherheitskontrolle, das gibt es vermutlich sonst nur noch in Baden-Baden, und das war sicher auch zur Zeit der Eröffnung des sechseckigen Terminals 1974 nicht selbstverständlich. Auch heute noch nährt diese Tegeler Eigenheit die Illusion vom schnellen, effektiven Fliegen ohne großes Warten rund um die Welt. Vom Terminal A sprach man erst, als die umständlicheren Terminals B bis D hinzu kamen, die in ihrer konsequenten Komfortverweigerung eher an Schönefeld (alt) und die Interflug-Zeiten erinnern.

Der West-Berliner fuhr mit dem Auto

Auch damals schon: Wer ein bisschen in der Welt herumflog, der merkte schnell, dass es größere, wichtigere Flughäfen gab, Flughäfen, die von solchen Terminals gleich zwei oder drei besaßen, obwohl sie auch zu Städten gehörten, die doch offenbar nicht einen Hauch der weltpolitischen Bedeutung Berlins hatten. Das lag vorwiegend an den politischen Einschränkungen: Air France, British Airways, Pan Am, das war es ja grundsätzlich, weil sonst keiner rein durfte, und wer ans Fliegen zur Mauerzeit denkt, der denkt natürlich auch an haarsträubende Monopol-Tarife, die schon den Sprung nach Hannover zum Luxus stempelten. Deshalb sind die Erinnerungen an die Jugendzeit dieses Wunderwerks nur zum Teil auch Erinnerungen an aktives Fliegen. Der West-Berliner fuhr mit dem Auto in die Welt, und wenn es wirklich weit weg gehen sollte, quälten sich viele lieber mit dem Bus nach Schönefeld und durch endlose Kontrollprozeduren, um Geld zu sparen – das 80er-Jahre-Äquivalent zu Ryanair und Easyjet.

So wird es nicht mehr

Volksentscheid hin, Volksentscheid her: So, wie es einmal war, wird es nicht mehr werden. Aber der Name Tegel wird seine Bedeutung behalten, wegen des Flughafens – oder als Wissenschaftszentrum.

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