Berlin : "Typisch deutsch": Abgestempelt

Christine-Felice Röhrs

Rodrigo González ist ein echter 68er. Zumindest wurde er in diesem Jahr geboren. In Chile, kurz bevor Augusto Pinochet die Macht übernahm. Wie viele andere flohen auch Rodrigos Eltern, die sich als Gewerkschaftler politisch betätigt hatten, vor dem Diktator. So kam Rodrigo im Alter von sechs Jahren nach Deutschland, in das Land, in dem er heute als Sänger der "Ärzte" zu den größten Popstars zählt.

In Hamburg wuchs er auf, seit 1988 lebt Rodrigo in Berlin - lange ohne deutschen Pass, nur mit dem blauen Papier der Staatenlosen. Zwangsweise kam er so immer wieder in Berührung mit den Amtsstuben. Der Reflex funktioniert bei Rodrigo ein bisschen so wie das Klingeln beim Pawlowschen Hund: Fragt man "was ist typisch deutsch...?" bellt Rodrigo: "...dieser gottverdammte Beamtenstand!"

Für unserer Serie "Typisch deutsch" hat Rodrigo sich deshalb als Sachbearbeiter in trister Büroatmosphäre fotografieren lassen und sogar die Accessoires mit ausgesucht - in Erinnerung an seine eigenen Besuche dort. Alle zwei Jahre musste er zum Ausländeramt in Moabit, um die Aufenthaltsgenehmigung verlängern zu lassen. Rechthaberisch seien seine Ansprechpartner gewesen - und respektlos. Rodrigo wurde einfach geduzt. "Ich kam, um ein Recht wahrzunehmen und nicht als Bittsteller." Aber genau dieses Gefühl habe man ihm gegeben.

Irgendwann kam der Sänger drauf, einfach loszubrüllen - "und ich kann gut brüllen". Siehe da, sein Gegenüber wurde "sofort zahm". Rodrigo war erstaunt von der Reaktion: "Besorgniserregend, dass es diese Art von Obrigkeitshörigkeit noch gibt, dass man vor dem Stärkerem, vor dem, der am lautesten brüllt, plötzlich einen Buckel macht."

Zum Thema Fotoserie: Was ist für Sie typisch deutsch? 1998 schließlich entschloss sich Rodrigo, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Zum einen, um der Amtsschikane zu entgehen. Zum anderen, weil er festzustellen meinte, dass sich das Klima im Land gegenüber Ausländern änderte. "Ich wollte mich absichern. Mit Nationalstolz hatte das nichts zu tun, stolz kann ich nur auf etwas sein, was ich selbst geschaffen habe."

Erstaunlich findet Rodrigo immer wieder, dass man vielen Deutschen, vor allem den Jungen, in ihrer Freizeit die Überkorrektheit nicht anmerkt. Wo sie vorher streng und mitleidlos gehandelt haben, sind sie plötzlich höflich und rücksichtsvoll. "Als ob ein Deutscher als öffentliche Person ein völlig anderer Mensch sein kann als privat." Diese Art von Schizophrenie, die sei auch typisch deutsch.

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