Berlin : "Typisch deutsch": Freudloses Volk

Christine-Felice Röhrs

Sie haben den doppelten Blick auf Deutschland - Menschen, die "halb und halb" sind, mit einem ausländischen Elternteil. Zum Thema "Typisch deutsch" haben wir sechs von ihnen fotografiert und befragt. Heute:

Lea Mornar ist eine Reisende. 17 Jahre alt war sie, als sie ihre Heimatstadt Split in Kroatien verließ. Seitdem tingelt sie durch Europa mit Stationen in Rom, München, London, Paris, Berlin. Mit Studentenjobs schlug sie sich durchs Leben, bis sie 1998, da war sie 25, in Deutschland mit der Schauspielerei begann. Obwohl Lea damals noch kein Wort deutsch sprach, landete sie gleich einen Volltreffer und spielte neben Heike Makatsch in Detlevs Bucks "Liebe Deine Nächste" eine Hauptrolle.

In Berlin kam der Erfolg, aber bleiben wird Lea hier nicht, so viel ist klar. Viele gute Haare lässt die schmale Person mit dem raspelkurzen Schopf nämlich nicht an der Stadt und auch nicht an den Deutschen, sie rupft immer neue Büschel heraus. Was vielleicht auch daran liegt, dass Lea ein sehr politischer Mensch ist. "Über die deutsche Art, sich zu kleiden oder die deutsche Art zu lieben, rede ich nicht", sagt sie als allererstes. "Oberflächlicher Kram." Sie hat Kritik zu üben an den Deutschen.

Da sei zum ersten die allgemeine Freudlosigkeit. Lea Mornar hat sich für diese Serie weniger als gelangweilte Hausfrau abbilden lassen, weil sie fand, dass es hier mehr davon gibt als anderswo. Sondern eher wegen der Emotionslosigkeit, die aus dem Gesicht sprechen soll. Auf der Straße lacht keiner, niemand ist offen. Wenn sie mit sich selbst allein sein will, ja, dann ist Berlin eine gute Stadt. Aber eigentlich will Lea lieben und geliebt werden und leidet unter dieser zwischenmenschlichen Stille.

Zum Thema Fotoserie: Was ist für Sie typisch deutsch? Es ist dieser alltägliche Kampf gegen die Korrektheit, die Lea Mornar am meisten ermüdet. Im Supermarkt hält man ihr Vorträge, wenn sie eine Dose umwirft. Auf der Straße wird sie angeblafft, weil sie bei Rot über die (autoleere) Straße läuft. Bei der Post bekommt sie ohne Pass ihre Pakete nicht ausgehändigt, obwohl die Angestellte sie schon lange persönlich kennt. Auf dem Amt ist soviel Papierkram zu erledigen, "dass man sich vorkommt wie ein Krimineller." Kein Vertrauen, keine Herzenswärme, klagt, nein, wütet Lea. Graham Greene habe mal einen schönen Satz gesagt, den die Automatenmenschen sich mal zu Herzen nehmen sollten: "Humanity is a duty, too", lautet der. Auch Menschlichkeit ist eine Pflicht.

Aber "typisch deutsch", kann das denn nicht auch was Nettes sein, was Verrücktes oder Skurriles? Wie ist es denn mit ihren Freunden. Deutsche Freunde hat sie doch gewonnen in Berlin. Ja, gute Freunde, aber auch sie seien "geprägt vom System". Das stellt sie zwischendurch immer wieder fest. Dann, wieder energisch: "Aber über meine Freunde will ich nicht reden, die sind nicht typisch."

Lea ist also auf der Suche nach dem Unverwechselbaren. Je länger sie in Berlin ist, desto weniger findet sie es. Nicht in den Menschen, nicht in Prenzlauer Berg, wo sie lebt. Hier wird alles immer kommerzieller, immer gesichtsloser, in eine schicke Schablone gepresst. "Prolet-bourgeois" nennt Lea das. In einer Woche macht sie sich wieder auf den Weg. Wohin, das weiß sie nicht. Noch wird es keine Reise ohne Wiederkehr sein. Aber wann sie zurückkehrt, das hat sie noch nicht entschieden.

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