U-Bahn-Haus : Schicht im Schacht

Im U-Bahn-Haus an der U1 herrscht jetzt vollkommene Stille. Für die Bewohner ist das vor allem ungewohnt.

Laura Wieland
U-Bahn-Haus
Das Wohnhaus in der Dennewitzstraße. -Foto: Heinrich

Es ist schon ziemlich abgefahren, das rote Haus in der Schöneberger Dennewitzstraße: Hier fährt die U-Bahn-Linie 1 direkt durch das Wohnhaus, bevor sie mitten im Straßenblock in einem Tunnel verschwindet. Kaum zu glauben, dass hier jemand wohnen, geschweige denn schlafen kann, wenn alle zwei Minuten die Bahn durchs Haus donnert.

„Das ist der größte Wahnsinn, den es gibt“, sagt ein Mann, der gerade um die Ecke biegt, um hier seine Mutter zu besuchen. „Man hört nichts. Dass die Tassen im Schrank wackeln und der Tisch wegspringt – alles gesponnen!“ Er muss es wissen, schließlich hat er selber 25 Jahre in diesem Haus gelebt.

„Das ist ein geiles Gefühl, wenn jeden Tag tausende von Menschen unter deinem Zimmer langfahren“, findet Herr Cenk, der hier vor zwei Jahren eingezogen ist. Ihn habe vor allem die Aussicht von der Wohnung im fünften Stock fasziniert, der Blick auf die gelben Zugschlangen der U1 und U2.

Und wie ist es nun, wenn die Züge still stehen? „Unangenehm ruhig“, sagt Cenk. „Es fehlt etwas.“ Am meisten ärgert ihn jedoch, dass er zwar über den Gleisen wohnt, es aber am längsten zur nächsten U-Bahn-Station hat. „Ich habe da oben leider keine private Haltestelle“, sagt Cenk während er sein Fahrrad aus dem Hinterhof holt. Während des Streiks bleibt ihm ohnehin nichts anderes übrig.

Cuma Bozan wohnt im dritten Stock des Nachbarhauses. Von dort hat er Zugang zur Terrasse, direkt über der Hochbahn. Im Sommer frühstückt er gerne hier. „Jetzt wo die BVG streikt, spürt man schon den Unterschied“, sagt Bozan. Manchmal sei es wie ein „kleines Erdbeben“, wenn die Züge vorbeirasen. „Ich schlafe zurzeit ruhiger, aber eigentlich wäre es mir lieber, dass die U-Bahn fährt.“ Er habe schließlich nur ein Fahrrad, aber drei Kinder. „Wie sollen die nun zur Schule nach Wedding kommen? Wir können doch nicht jeden Tag Taxi fahren.“Laura Wieland

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar