U-Bahn-Heizung für Weddinger Kirche : Heiße Luft für Schinkels Kirche?

Ein Weddinger Pfarrer möchte die St.Pauls-Kirche gerne klimaschonend und kostensparend heizen - mit warmer U-Bahn-Luft. Lässt sich der Vorschlag überhaupt umsetzen? Das Tiefbauamt sagt: Nein. Architekten und Pfarrei sagen: Ja. Eine Bestandsaufnahme.

Nora Tschepe-Wiesinger
Schön? Naja, aber schön warm. Der U-Bahnhof Pankstraße.
Schön? Naja, aber schön warm. Der U-Bahnhof Pankstraße.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es war eine Meldung, die erst einmal skurril klang: Berliner Kirche soll mit U-Bahn-Wärme geheizt werden – diese Schlagzeile lief vergangene Woche über den evangelischen Pressedienst (epd). Warme Füße für Kirchgänger dank der BVG? Sicher ein innovativer Plan. Aber einer mit größeren Hürden.

Derzeit wird die evangelische St. Pauls-Gemeinde am U-Bahnhof Pankstraße mit Erdgas geheizt. Pfarrer Michael Glatter setzt sich für eine kohlendioxidneutrale Beheizung seiner Kirche ein. Geplant ist ein gemeinsames Projekt mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), bei dem die Wärme des U-Bahnhofs Pankstraße mithilfe eines Wärmetauschers ausgewechselt und in die Fußbodenheizung der Kirche eingespeist werden soll. Das Tiefbauamt Mitte aber lehnt das Vorhaben entschieden ab.

U-Bahn-Tunnel eignen sich gut zur Wärmeerzeugung aus Erdwärme und somit zum Heizen

U-Bahn-Tunnel eignen sich besonders gut für Geothermie, also zur Wärmeerzeugung aus Erdwärme, da sie große erdberührende Flächen besitzen. Durch die vielen U-Bahnen, die täglich durch die Tunnel fahren, wird das Erdreich in direkter Umgebung erwärmt und es herrscht eine konstante Temperatur im U-Bahn-Schacht. „Daher ist es im U-Bahnhof immer drei bis vier Grad wärmer als draußen“, erklärt ein BVG-Sprecher dem Wedding Blog. Die warme Luft würden die U-Bahnen durch den entstehenden Fahrtwind bei der Ein- und Ausfahrt direkt an die Wärmepumpe transportieren. Von dort aus käme sie dann über extra verlegte Rohre in die Fußbodenheizung der Kirche.

Auf diesem Weg könnte die Schinkelkirche St. Pauls also vollständig von der Erdgasversorgung abgekoppelt und ausschließlich mit U-Bahn-Wärme geheizt werden. Die BVG beheizt auf diese Art schon eine ihrer Betriebswerkstätten in der Turmstraße. Dem Vorhaben von Pfarrer Glatter steht man auf Seite der Verkehrsbetriebe generell positiv gegenüber. „Man kann die Wärme im U-Bahnhof zum Heizen nutzen. Das Projekt ist theoretisch möglich“, sagte ein Sprecher der BVG dem Wedding Blog.

Tiefbauamt: "Der Bodenraum ist für die Versorgung der Allgemeinheit gedacht"

Für Pfarrer Michael Glatter wäre diese Art des Heizens eine „Umsetzung der Energiewende in kleinen Schritten vor Ort“. Seine Gemeinde bezieht bereits ihren Strom aus erneuerbaren Energien; bis Ende 2014 ist darüber hinaus eine komplette energetische Sanierung des Gemeindehauses vorgesehen. Was theoretisch vernünftig und innovativ klingt, ist in der Praxis laut Tiefbauamt unmöglich – zumindest so, wie Glatter es sich vorstellt. Für das Heizungsprojekt müssten zwar nur 14 Meter Rohre verlegt werden, aber der Berliner Bodenraum sei knapp bemessen und ausschließlich den öffentlichen Leitungen vorbehalten: „Verlegt man die Rohre, wie die Kirchengemeinde es vorsieht, längs, ist kein Platz mehr für öffentliche Wasser- oder Telekomleitungen. Der Bodenraum ist für die Versorgung der Allgemeinheit gedacht und nicht für einzelne Privatpersonen“, sagt Harald Büttner, Leiter des Berliner Tiefbauamtes.

Das sieht Marcus Nitschke anders. Er ist Leiter von D:4, einem Architekturbüro, das Kirchengemeinden bei Sanierungs- und Energiesparmaßnahmen berät. Auch die Idee mit der U-Bahn-Heizung in der St. Pauls-Kirche kommt ursprünglich von D:4. „Es ist grundsätzlich genug Platz für Leitungen da“, sagt Nitschke, „das Tiefbauamt hält den nur für eventuelle zukünftige Projekte frei.“

Bei einer Ablehnung des Bauantrags planen Pfarrer und Kirche vor Gericht zu ziehen

Für Michael Glatter und die Kirchengemeinde St. Pauls wäre das ein Grund, bei einer Ablehnung des vor rund einem Monat gestellten Bauantrags vor Gericht zu ziehen. „Wir müssen natürlich erst einmal abwarten, was in dem Beschluss des Tiefbauamtes steht. Fakt ist aber, dass es kein Gesetz gibt, das vorschreibt, wem der Bodenraum offiziell zusteht. Ein Gericht müsste überprüfen, welches Projekt Priorität hat.“ Glatter verteidigt sein Vorhaben. Auch die St. Pauls-Kirche sei eine öffentliche Einrichtung, die Heizung käme mehreren Personen zugute. „Das ist alles eine Frage des Wollens und der Prioritätensetzung“, so Glatter, „warum soll ein Fernsehkabel wichtiger sein als unsere klimaschonende Heizung?“

Derzeit würde das Tiefbauamt einzig eine Querverlegung der Rohre genehmigen. Problem hierbei: Die Leitungen müssten durch den Keller auf dem Nachbargrundstück der Kirche verlaufen. Davon zeigt sich aber offenbar der Nachbar wenig begeistert. Laut Pfarrer Glatter habe er sich dem Projekt gegenüber bisher „völlig unkooperativ“ verhalten.

Aufgeben will die Kirche nicht, sondern auf dem politischen Weg eine Lösung finden

Wie geht es also weiter mit der Heizung der St. Pauls-Kirche? „Wir haben einen Brief an den Bezirksausschuss für Eingaben und Beschwerden geschrieben und hoffen jetzt, auf dem politischen Weg eine Lösung zu finden“, sagt Glatter. Nach Aufgeben hört sich das nicht an –Laut epd-Meldung hat sogar Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) seine Unterstützung zugesagt. Für den Wedding Blog des Tagesspiegel war der SPD-Politiker allerdings trotz mehrfacher Anfrage nicht zu erreichen.

Marcus Nitschke vom Architekturbüro D:4 will den Dialog „am Köcheln halten“. Mögliche weitere Schritte sind die Einberufung eines Runden Tischs mit dem Tiefbauamt, der BVG und Gemeindemitgliedern oder die Einbringung des Vorschlags vor die Bezirksverordnetenversammlung. Einen konkreten Zeitplan gibt es allerdings noch nicht.

Dieser Artikel erscheint im Wedding Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

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