U-Bahn-Läden : Kurz vor der Pleite

Die BVG erlässt Betreibern von U-Bahn-Läden die Miete. Auch Kaufhäuser haben starke Umsatzeinbrüche

Laura Wieland

„Langsam geht’s ans Eingemachte“, sagt Alexander Dehn. Der Besitzer eines Tintenladens und Internetcafés im U-Bahnhof Adenauerplatz spricht für zahlreiche Einzelhändler in U-Bahnhöfen, die wegen des Streiks unter enormen Umsatzverlusten leiden. „Eine Bäckerei hat schon Insolvenz angemeldet“, berichtet Dehn. „In einem Blumenladen musste der erste Mitarbeiter entlassen werden.“ Er selbst habe einem Angestellten die Arbeitszeit von 40 auf 20 Wochenstunden gekürzt. Zusammen mit 50 anderen Ladenbetreibern hat Dehn eine Sammelklage gegen die BVG angestrengt – mit Erfolg: Gestern beschloss der BVG-Vorstand, den U-Bahn-Kiosken für die Streikzeit die Mietkosten zu erlassen.

„Die Mietminderung rettet mich aber nicht vor dem Konkurs“, sagt Daniela Bommes. Die Miete mache maximal 15 Prozent der fixen Kosten aus. Seit November letzten Jahres betreibt die Existenzgründerin eine Bäckerei im U-Bahnhof Kurfürstendamm. „Dafür habe ich einen großen Kredit aufgenommen und sieben Arbeitsplätze geschaffen“, sagt Bommes. Sie habe monatliche Fixkosten in fünfstelliger Höhe und bereits tausende Euros an Einnahmen verloren. Nun sieht sie die Insolvenz in greifbare Nähe rücken. „Dann muss ich meine Angestellten zurück in die Arbeitslosigkeit schicken – und mich auch.“

Der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, Eric Schweitzer, geht davon aus, „dass in den betroffenen Berliner Betrieben jetzt mehrere tausend Arbeitsplätze gefährdet sind“. Der Handelsverband Berlin-Brandenburg rechnet mit 20 bis 40 Prozent Umsatzeinbußen für den Einzelhandel. „Seit Verdi die Stadt in Geiselhaft hält, ist für viele Einzelhändler eine existenzbedrohliche Situation entstanden“, sagt Verbandsgeschäftsführer Nils Busch-Petersen. „Die Kaufbereitschaft ist drastisch nach unten gegangen.“ Das Einkaufen sei einfach lästig geworden.

Davon sind auch die Kaufhäuser betroffen. Der Kundenrückgang sei „deutlich spürbar“, heißt es bei Karstadt am Hermannplatz. An dem Verkehrsknotenpunkt kreuzen sich die U-Bahn-Linien 7 und 8 sowie etliche Buslinien. Eigentlich ist dieser Ort ein Einkaufsmagnet für die Berliner, die beim Umsteigen ihre Einkäufe erledigen. Die nächste S-Bahn-Station ist jedoch zwei Kilometer entfernt.

„Plötzlich sind wir im Niemandsland“, sagt Frank Noetzel, Leiter der Apotheke am Hermannplatz. Seit Beginn des Streiks fehle etwa die Hälfte der Kundschaft – und somit auch die Hälfte der Tageskasse: „Im Augenblick kommt einfach zu wenig Geld rein, um die laufenden Kosten zu decken“, sagt Noetzel. Zudem könne er die Rechnungen der Lieferanten nicht zahlen. „Es stapeln sich die ersten Mahnungen.“ Die Mitarbeiter fürchten um ihre Stelle, auch hier stehen sieben Arbeitsplätze auf dem Spiel. Doch wirklich trösten kann Noetzel die Beschäftigten nicht: „Den Ersten habe ich schon in den unbezahlten Urlaub schicken müssen.“

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