U-Bahn-Überfall : Die Größe des Opfers

Die Narbe juckt, der Kopf ist noch geschwollen, die Mimik lahmt. Aber manchmal lacht er, und dann wandelt sich das Gesicht in Zuversicht – was fast ein Wunder ist. Marcel R. wurde von vier Jugendlichen in einem Berliner U-Bahnhof halb totgeschlagen.

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Freitagabend, 11. Februar. Zwei Männer (jeweils außen im Bild) verfolgen auf dem U-Bahnhof Lichtenberg Marcel R. (in weißer Hose), um ihn zusammenzuschlagen. Die Kameras zeichnen das auf.
Freitagabend, 11. Februar. Zwei Männer (jeweils außen im Bild) verfolgen auf dem U-Bahnhof Lichtenberg Marcel R. (in weißer Hose),...Foto: picture alliance / dpa

Auf dem kleinen Balkon eines Pankower Mietshauses sitzt ein junger Mann, in dessen Schädel bis vor kurzem noch ein riesiges Loch klaffte, und erzählt von einem Traum. Er ist im Freien, aber weiß nicht wo. Er sieht Gestalten um sich herum, die ihm etwas antun wollen. Sie werden ihn gleich fassen. Er läuft weg, will Hilfe suchen, aber niemand ist da. Nur die Unbekannten. Er schreit. Dann wird er wach.

Auf dem Kopf von Marcel R., 31, zieht sich von der Stirn eine rot leuchtende Narbe durch die stoppelkurzen Haare bis hinunter zum linken Ohr. Wenn es warm ist, juckt die Narbe, und Marcel fummelt ständig an ihr herum. Es sieht dann so aus, als fühle er nach, ob die Schädeldecke auch wirklich komplett ist. Wenn es nicht juckt, sitzt er meist wie ein schmächtiger Buddha im Schneidersitz auf seinem Plastikstuhl, die Hände entspannt auf die Oberschenkel gestützt, Oberkörper aufrecht, und raucht. Die Augen, denkt man, blicken traurig ins Nirgendwo, und im Gespräch wirkt er oft teilnahmslos. Aber das liegt daran, dass die Mimik im Gesicht noch nicht wieder funktioniert, dafür ist der Kopf noch zu geschwollen und die Gesichtsmuskeln noch nicht austrainiert. Manchmal, wenn Marcel lacht, was motorisch gar nicht einfach ist, verwandelt sich das ganze Gesicht in Zuversicht. Und das ist an sich ein Wunder.

Am Freitag, den 11. Februar, läuft der Maler- und Lackierermeister am späten Abend mit seinem Arbeitskollegen Steffen O. über den U-Bahnhof Lichtenberg. Sie haben im Bezirk auf einer Baustelle gearbeitet, waren nach Feierabend noch auf ein Bier in einer Billardkneipe und sind nun auf dem Weg nach Hause, als vier Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren sie angreifen. Auf dem Überwachungsvideo der U-Bahn wird man später sehen können, wie sie Marcel verfolgen, ins Gesicht schlagen, treten, und schließlich, als er sich hinter einem Pfeiler versteckt, mit einem brutalen Tritt zu Boden strecken. Dann trampeln sie weiter auf ihm herum, bis er ins Koma fällt, klauen Handy und Brieftasche und verschwinden. Auf den Aufnahmen sind auch andere Passanten zu sehen, doch niemand greift ein. Steffen O. kommt glimpflich davon, weil ihm bei seiner Flucht ein zufällig vorbeikommendes Mitglied des Rockerklubs „Bandidos“ hilft.

Brutaler Überfall in Lichtenberg
Von dem Überfall gibt es Videobilder.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Polizei
04.07.2011 15:53Von dem Überfall gibt es Videobilder.

Den Traum, sagt Marcel dreieinhalb Monate später, habe er nur ein einziges Mal geträumt. Und dann nie wieder. Das zu betonen, ist wichtig für ihn, es soll sagen: Ich habe keine Angst mehr. Aber das muss nicht stimmen. Der Inhalt dieses Traumes ist zusammengesetzt aus realen Erinnerungsfetzen seines Unterbewusstseins. Der Traum hatte ein Ende, doch in der Wirklichkeit ist er lange Zeit nicht mehr aufgewacht, sondern schwebte in Lebensgefahr und lag im Koma. Aber an den Überfall kann sich Marcel nicht mehr erinnern. Er weiß nur noch, dass da vier Jugendliche waren, und dass sie ihm seine Tasche wegnehmen wollten.

Auch aus diesem Grund ist die Angst wohl kein Dauergast in Marcels Psyche, sein Bewusstsein hat sich quasi rechtzeitig abgestellt, das Koma ist somit auch eine Art Sicherheitsraum, der ihn vor möglichen Traumata schützen soll. Das Erlebnis des Überfalls wird abgespalten, entkoppelt vom Denken, Fühlen und Handeln. Und die schlimmsten Teile des Erlebten, sagen Traumatologen, sind somit von der Gehirnfestplatte gelöscht.

Dieser Tag im Februar wirkt aus heutiger Sicht wie ein fatales Signal, denn in den folgenden Wochen erlebt Berlin noch weitere Überfälle auf U-Bahnhöfen, wie etwa den Angriff des 18-Jährigen Torben P. auf den 29-Jährigen Markus P. Auch Torben tritt mit den Füßen auf den Kopf des am Boden liegenden Mannes ein. Allerdings wird bei den anderen Fällen niemand so schwer verletzt wie Marcel.

Als auf dem U-Bahnhof Lichtenberg ein Pärchen endlich die Polizei holt, kommt Marcel zunächst ins Sana-Klinikum Lichtenberg, er blutet aus beiden Ohren, sein Zustand ist zu kritisch, man kann ihm nicht helfen. Mit dem Hubschrauber wird er ins Unfallkrankenhaus Marzahn geflogen, wo die Ärzte ein schweres Schädel-Hirn-Trauma diagnostizieren. Die Schwellung des Gehirns und die Hirneinblutung sind nach den Fußtritten so stark, dass die Ärzte ihrem Patienten einen Teil der Schädeldecke abnehmen müssen, der bei Minus 80 Grad konserviert wird. Nur durch diese „Entdeckelung“, wie die Ärzte sagen, konnte Marcel überleben.

Katja G., die aussieht wie eine stolze Wikingerin, schwarzes Haar, rundes Gesicht, sitzt neben ihrem Bruder auf dem Balkon, sie ist nicht nur seine Schwester, sie ist sein Bodyguard. Bei der Begrüßung hat sie stolz zu Marcel gezeigt und mit sanfter Stimme gesagt: „Da ist mein Wunderkind.“ Drei Tage weiß die Familie nach dem Überfall nicht, wo Marcel ist, denn die Polizei weiß ja nicht, wer er ist. Die Mutter ist für Samstag, den 12. Februar, mit ihrem Sohn verabredet, aber der meldet sich nicht.

Lesen Sie auf der folgenden Seite: Wie Marcel geholfen wird und wie seine Familie mit der Situation umgeht

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