Nach Maß

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U-Bahnhöfe in Berlin : Im U-Wald
Tilman Strasser
Hier begann die Zukunft. Zur Eröffnung 1927 hatte der von Alfred Grenander und Alfred Fehse gebaute Bahnhof Hermannplatz als erster in Berlin Rolltreppen.
Hier begann die Zukunft. Zur Eröffnung 1927 hatte der von Alfred Grenander und Alfred Fehse gebaute Bahnhof Hermannplatz als...Foto: Thilo Rückeis

11:32 Uhr, Hermannplatz, Baujahr 1926/27
Ein Labrador beschnüffelt die Scherben einer Glasflasche. Auch an dem dazugehörigen Fleck ist der Hund interessiert, er kann von seiner Besitzerin nur mühsam ferngehalten werden. Die Sitzbank beanspruchen Hipster, ihre Gesichter von schweren Bärten gedehnt. Aus der Bahn steigt eine junge Frau, ein alter Mann schließt sie stumm und fest in die Arme. Die Bahn fährt ab – und damit das Senfgelb aus dem Gelb-Festival am Gleis der U7.

Es bleiben: das Sonnenblumengelb der meisten Wandkacheln, das Zitronengelb der obersten Kachelreihe, das Schmutziggelb des Treppenblocks Richtung Karstadt. „Das gigantische Werk ist vollendet!“, meldete das Warenhaus, als es, wenige Jahre nach der Eröffnung, die bis dahin einmalige Verbindung mit dem Bahnhof einging. Auch heute ist der Direktzugang vom Gleis in die Schlemmeretage praktisch. Inzwischen durchzieht allerdings ein Riss das Deckenmauerwerk über dem Aufgang. Dem ist ein symbolischer Wert nicht abzusprechen.

Überhaupt: Glaubt man Experten, hat der Hermannplatz schon bessere Tage gesehen. In ihrem Architekturführer „Licht und Farbe im Berliner Untergrund – U-Bahnhöfe der Klassischen Moderne“ halten Christoph Brachmann und Markus Hörsch die Sanierung für missglückt: „Freilich ist der ursprüngliche Eindruck weitgehend zerstört, denn bei einer Renovierung der Jahre 1991–1993 wurden fast alle originalen Kacheln heruntergeschlagen. Der ursprüngliche Glanz, die bewegte, aber nicht zu kleinteilige Oberfläche und die nicht vereinheitlichte, durchscheinende Glasur der Keramik sind damit verloren. Der Ersatz ist nivellierte Einheitsware, nicht einmal der alte Farbton wurde getroffen.“ Was wenig daran ändert, dass allein die 135 Meter Bahnsteiglänge sowie die gut sieben Meter Höhe durch schiere Maße beeindrucken. Der Labrador markiert indes ungerührt das altehrwürdige Kiosk-Häuschen, Frauchen liest Schlagzeilen, kauft Kaugummi.

Grenanders Standard. Kein Schnickschnack auf dem Bahnhof Schillingstraße (Baujahr 1930) – nur ein bisschen Kunst.
Grenanders Standard. Kein Schnickschnack auf dem Bahnhof Schillingstraße (Baujahr 1930), was typisch für den prägenden Architekten...Foto: Thilo Rückeis

Standard 1: Wo ist die Zeit?
12:07 Uhr, Schillingstraße, Baujahr 1930
„Ein Standardbahnhof in reinster Form“, schreibt die Pufferküsser-Homepage berliner-untergrundbahn.de. Und meint den Standard, den Alfred Grenander für die ehemalige Linie E einführte. Die heutige U5 verläuft zwar weiter als bis Friedrichsfelde, die ersten Bahnhöfe ab Alexanderplatz entsprechen aber wieder dem Schema des architektonischen U-Großvaters. 2003 wurde im Hinblick auf die Originalgestaltung saniert. Stützen aus Stahl, kein Schnickschnack: Abgesehen von ein paar Metern Bahnsteig mehr oder weniger liegt dasselbe Gewölbe unter dem Strausberger Platz und der Weberstraße – nur unterscheidbar durch die Kennfarbe. In diesem Fall Altrosa. Kein Standard dagegen: die Holzskulpturen, die aus dem Granit ragen, so hoch, dass sie auf anderen Bahnsteigen tragende Säulen wären. Drei „Reisende aus einer anderen Zeit“ stehen in hell erleuchteter Leere und scheinen sich über das weitere Vorgehen zu beraten. Das Kunstwerk wurde von Jugendlichen der Jugendvollzugsanstalt Oranienburg unter Betreuung des Künstlers Ralf Schade gefertigt. Die Torsi der Gestalten sind längst mit Kritzeleien übersät, auch das Blechschild, das über ihre Entstehungsgeschichte informiert, ist kaum mehr lesbar. Kein Stift, keine Sprühdose aber hat bislang die sorgenvoll langen Gesichter erreicht. Dafür steht ihre Laterne in unsinnig großer Entfernung, ist der Hocker für keinen der Stangenkörper nützlich, und überhaupt dürften sie sich fragen, weshalb sie auf einem Bahnhof gelandet sind, der von 1959 bis 1960 sogar ersatzlos geschlossen werden konnte. Mit ihnen warten nur zwei Freundinnen am Gleis. Als die Bahn einfährt, fangen sie an, sich zu umarmen, trennen sich einmal, zweimal, dreimal: „Wir telefonieren!“, „Ja, wir müssen telefonieren!“, „Ich ruf dich an!“. Die eine steigt ein, die andere winkt. Aus der abfahrenden Bahn werden sie noch etwas länger, die Holzmienen der Zeitreisenden.

Grimmeks Standard. Fliesen und Blocklettern – die Afrikanische Straße (Baujahr 1956) ist schlichter Prototyp für 14 U-Bahnhöfe.
Grimmeks Standard. Fliesen und Blocklettern – die Afrikanische Straße (Baujahr 1956) ist schlichter Prototyp für 14 U-Bahnhöfe.Foto: Thilo Rückeis

Standard 2: Wo ist Erhan?
13:03 Uhr, Afrikanische Straße, Baujahr 1956
Kein Zeitsprung: Obwohl 26 Jahre später eingeweiht, entspricht auch dieser Bahnhof einem Schema. Und obwohl es keines von Alfred Grenander ist, könnte es von ihm sein. Wenigstens orientierte sich der Entwurf von Senatsbaudirektor Bruno Grimmek an Grenanders nüchterner Gestaltung. Mit Erfolg: Gleich 14 Bahnhöfe wurden bis 1961 nach seinem Vorbild umgesetzt. Vor Fliesen in Babyblau vier Jungs mit Babyface: „Junge, Undercuts sind schlecht.“ „Was laberst du?“ Die Afrikanische Straße ist Grimmeks Prototyp: vom Namen in Blocklettern über die mosaikummantelten Säulen bis zur gewinkelten Decke. Schmetterlingsdecke heißt die Variante mit dem Knick in der Längsachse. Eine Leistung der bescheidenen Nachkriegsarchitektur, dass dieses ungewöhnliche Detail kaum ins Auge fällt. Dabei sind sogar die Neonröhren ungewöhnlich: Auf der Strecke unter der Müllerstraße ersetzten sie erstmals die bis dahin üblichen Glühbirnen als Beleuchtungsanlage. „Wo ist Erhan?“ „Laber nicht, ruf an.“ „Erhan? Wo bist du? ... Ist doch egal, wo ich bin!“ Auf den ersten Blick sind am ehesten die Mittelstützen bemerkenswert, ihrer länglichen Sechseck-Form wegen. Der Steinchenbesatz bemüht sich um Zurückhaltung und schimmert in Graufacetten. „Erhan ist schon los.“ „Laber nicht.“ „Junge. Lass hinfahren.“

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