U-Bahnhöfe : Werbeunterbrechung für die Kunst

Bald könnte Schluss sein mit den Ausstellungen im U-Bahnhof Alexanderplatz. "Station Branding“ heißt der Trend, der die Kunst ausbremsen könnte.

River Tucker
Alexanderplatz U2
Kunst muss gehen. Werbung darf bleiben. -Foto: Tsp

„Kunst statt Werbung“ war bisher das Motto am Alexanderplatz. In den 90er Jahren bereits begannen die Kunstaktionen im U-Bahnhof der Linie 2, jetzt aber droht die Werbung die Kunst zu verdrängen. Zum Februar nächsten Jahres soll Schluss sein mit der wechselnden Kunst im U-Bahnhof, die die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) organisiert.

Die VVR Wall, eine Tochterfirma der Wall AG, hat die Vermarktungsrechte für die Werbeflächen am Bahnhof Alexanderplatz erworben. Ab 2008 will sie den Bahnhof jeweils drei Monate im Jahr für ein besonderes Werbekonzept nutzen. Beim sogenannten „Station Branding“ mietet ein einziger Kunde alle möglichen Werbeflächen auf einem Bahnsteig. Die restlichen neun Monate könnte die NGBK den Bahnhof weiterhin kostenlos nutzen, heißt es bei Wall.

„Für die Fahrgäste bedeutet Station Branding, dass sie in diesen Bahnhof eintauchen und damit auch in das Produkt des Werbekunden. Jeder Sinn und jeder Millimeter wird da angesprochen“, erklärt Benita Piechaczek von der NGBK. „Daneben könnte sich Kunst nicht durchsetzen – und will sie auch gar nicht.“

Der Kunstverein NGBK sieht die Künstler zu Lückenbüßern degradiert. Wenn Wall einen Werbekunden gefunden habe, müssten die Werke müssten mit zweimonatiger Vorwarnzeit abgehängt werden. Das mache eine langfristige Planung unmöglich.

Auch die Finanzierung durch das Land Berlin wäre gefährdet: Die Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten finanziert das Kunstprojekt bisher jährlich mit 80 000 Euro. Ein Auf- und Abbau der Kunst je nach Werbelage würde der Senat aber nicht unterstützen, erklärt Torsten Wöhlert, Sprecher der Kulturverwaltung.

Die BVG hatte mit Zustimmung des Landes ihre Tochtergesellschaft VVR-Berek, die Vermarktungsrechte für die Werbeflächen in den U-Bahnhöfen hält, im Jahr 2006 an den französischen Konzern JC Decaux verkauft. im Januar dieses Jahres kaufte dann die Wall AG die Gesellschaft. „Wir haben damals zu einen sehr guten Preis verkauft, jetzt die Wall AG im Nachhinein zu kritisieren wäre falsch“, sagt Petra Reetz, Sprecherin der BVG.

Den von einigen Politikern erhobenen Vorwurf, die Wall AG sei kunstfeindlich, weist Beate Stoffers, Sprecherin des Unternehmens, zurück. „Wir fördern gerne und viel Kunst in Berlin, aber wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen unseren Vermarktungsinteressen und Kulturförderung“, erklärt Stoffers.

Deshalb will die Wall AG der NGBK einen anderen Bahnhof zur Verfügung stellen. „Uns ist klar, dass der Bahnhof attraktiv sein muss, damit die Förderung durch den Senat gesichert ist“, sagt Stoffers.

Benita Piechaczek von der NGBK scheint über diese Vorschlag nicht erbaut. Wenn die Kunst auf einen anderen Bahnhof ausweichen müsste, wäre das ein neues Projekt, sagt sie. Sie sieht in diesem Konflikt die grundsätzliche Frage, inwieweit Kommerz den öffentlichen Raum bestimmen dürfe. „Künstler bereiten den Weg, machen einen Standort attraktiv und werden dann vertrieben. Wir wollen in Berlins Mitte bleiben“, erklärt Piechaczek.

Die NGBK weiß jedoch, dass ihre Chancen schlecht stehen, die Gelder für das nächste Jahr hätten schon beantragt werden müssen. Trotzdem hofft der Kunstverein auf Hilfe aus der Politik und Rettung in letzter Sekunde. Gegenwärtig ist Daniela Komanis „Geschichte des Alexanderplatz’“ zu sehen – noch bis Ende Januar am Bahnsteig der U2.

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