U-Bahnhof Gneisenaustraße in Berlin : Kreuzberger wollen Drogenabhängige vertreiben

Jeden Tag treffen sich Drogenabhängige am Berliner U-Bahnhof Gneisenaustraße. Die BVG und einige Anwohner wollen, dass sie gehen - doch wohin?

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Ärger im Untergrund: Die Drogenabhängigen vom Bahnhof Gneisenaustraße sollen bald weiterziehen.
Ärger im Untergrund: Die Drogenabhängigen vom Bahnhof Gneisenaustraße sollen bald weiterziehen.Foto: Felix Hackenbruch

Beatrice T. fühlt sich nicht mehr sicher. „Es werden immer mehr“, sagt sie und berichtet von Saufgelagen, Pöbeleien sowie Flaschenscherben und Spritzen auf dem Boden. „Die stellen ein echtes Sicherheitsrisiko dar.“ Mit „die“ meint T. eine etwa 15-köpfige Personengruppe, die sich im Winter regelmäßig am Kreuzberger U-Bahnhof Gneisenaustraße aufhält. Tag für Tag treffen sie sich – Männer und ein paar Frauen – am späten Vormittag, trinken Alkohol und unterhalten sich. Bei der Gruppe handelt es sich nicht um Obdachlose oder einfache Trinker. Es sind Abhängige, die in einer Ausgabestelle im nahen Bergmannkiez ihre Ersatzdrogen bekommen – die meisten das Heroin-Substitut Methadon.

Per se findet T. das nicht so schlimm, nur seien die Belästigungen in der letzten Zeit eben „immer massiver“ geworden. „Neulich rollte ein Besoffener zwischen Bahngleis und Wartebank herum“, sagt sie. Ein anderes mal sei ein Junkie umhergetorkelt, auch angepöbelt habe man sie schon. „Für die Fahrgäste stellt das ein echtes Risiko dar“, sagt T.. Vor allem von der BVG, die das Hausrecht am Bahnhof hat, ist sie enttäuscht. „Wenn der Sicherheitsdienst kommt und die Gruppe rauswirft, sind die nach fünf Minuten wieder da.“ Der Bitte für ein klärendes Gespräch sei die BVG nicht nachgekommen, sagte Beatrice T..

BVG: "Theoretisch müssten wir den Bahnhof dicht machen"

„So einfach ist das nicht“, entgegnet BVG-Sprecherin Petra Reetz. Die Situation am U-Bahnhof Gneisenaustraße sei ihr „völlig bekannt“, aber man habe wenige Möglichkeiten, etwas daran zu ändern. „Um das Problem in den Griff zu bekommen, müssten wir theoretisch den ganzen Bahnhof dichtmachen.“ Sie berichtet von aggressiven Angriffen auf das Sicherheitspersonal der BVG. „Die haben überhaupt keinen Respekt vor unseren Leuten und greifen sogar unsere Hundestaffel an.“

Kapitulieren wolle die BVG aber nicht. „Wir machen da schon was“, sagt Reetz und verweist auf neue Kooperationen mit der Polizei, die Fachleute für den Umgang mit Drogenabhängigen beschäftige. Außerdem habe man in letzter Zeit „mehrere große Einsätze“ durchgeführt. Reetz hofft, dass die Gruppe durch ständige Kontrollen von selbst weiterzieht.

Zumindest am Samstagmittag ist die Gruppe aber noch da. 20 Personen sitzen auf zwei Bänken am Ende des Bahngleises. Die Atmosphäre ist friedlich. Die meisten kennen sich, es wird gelacht, ein paar hören Musik, rauchen, andere trinken Bier. Von den übrigen Fahrgästen nimmt die Gruppe kaum Notiz, aber als eine Mutter verloren mit Kinderwagen an der Treppe steht, springt ein mittelalter Mann auf und trägt den Wagen mit ihr nach oben.

"Die BVG behandelt uns wie Dreck"

„Wir passen hier aufeinander auf und wollen niemanden stören“, sagt Nick B., der seit über einem Jahr Tag für Tag zum Bahnhof kommt. Sieben bis neun Milliliter Methadon bekommt der 46-Jährige jeden Vormittag bei der Ausgabestelle, danach trifft er sich mit den anderen. „Klar, wir rauchen hier und trinken Alkohol, aber wir wollen keinen Ärger“, sagt er. Wenn Kinder kommen, würden sie die Flaschen verstecken, Senioren helfe man auch mal beim Einstieg.

Dass es aber immer wieder Ärger mit der BVG gibt, bestreitet Nick B. nicht. Es liege aber nicht an der Gruppe. „Die BVG behandelt uns wie Dreck. Für die sind wir nur fertige Junkies“, sagt B. und berichtet von unverhältnismäßigen Übergriffen des Sicherheitspersonals und willkürlichen Kontrollen.

Endstation Geneisenaustraße: Jeden Tag treffen sich die Methadon-Patienten am Bahnsteig.
Endstation Geneisenaustraße: Jeden Tag treffen sich die Methadon-Patienten am Bahnsteig.Foto: Felix Hackenbruch

Die Treffen schützen Abhängige vor sozialer Vereinsamung

Auch sein Freund Patrick K. ärgert sich über das Sicherheitspersonal. „Die greifen uns wie wilde Hunde an, sprühen direkt mit Pfefferspray und drücken uns brutal auf den Boden.“ K. ist seit elf Jahren im Methadon-Programm, davor war er heroinabhängig. Der Ersatzstoff stabilisiert sein Leben und lässt ihn klarer denken. Er würde sich mit auch lieber an einem anderen Ort treffen, aber draußen sei es zu kalt und eine Alternative gebe es nicht. „Für viele von uns sind diese Runden am Bahnhof das einzige, das wir haben“, sagt er und spricht von Einsamkeit und sozialer Ächtung. „Mein Bruder trinkt jeden Abend fünf Bier, aber das ist gesellschaftlich akzeptiert.“

Ein paar Meter weiter zuckt der Besitzer des Kiosks auf dem Bahnsteig nur mit den Achseln, als er auf die Gruppe angesprochen wird. „Manchmal spritzen die sich hier auch was und ab und zu gibt es Ärger mit der Polizei.“ Von Angriffen auf andere Gäste weiß er aber nichts und an seinem Kiosk habe es auch „noch gar nie“ Probleme gegeben.

Eine Bürgerinitiative soll helfen

Beatrice T. will die Situation am Bahnsteig trotzdem nicht länger akzeptieren. In der vergangenen Woche hat sie begonnen, mit Zetteln nach Mitstreitern zu suchen. Ihr Ziel: eine Bürgerinitiative. Mehr als zehn Personen hätten sich bereits gefunden, in der nächsten Woche wollen sie sich zum ersten Mal treffen. „Polizei, BVG und die Politik sollen zusammen nach einer Lösung suchen“, sagt T., die seit 20 Jahren in der Nähe der Bergmannstraße wohnt. Die Trinker- und Methadongruppe sieht sie als echte Gefahr für die Stimmung im Kiez. „Im Winter machen sie den Bahnhof zur Trinkerhalle und im Sommer belagern die den Marheinekeplatz.“ Angesichts des nahen Kinderspielplatzes, der vielen Schulen und Familien kritisiert T. auch den Bezirk. „Man kann doch keine Methadon-Praxen mitten in den Familienkiez legen.“ Besser sei es, die Ausgabestelle in die Außenbezirke zu legen. Dann wäre das Problem zumindest aus den Augen.

Anmerkung der Redaktion: Eine Woche nach Erscheinen dieses Artikel hat sich T. erneut beim Tagesspiegel gemeldet. Sie legt Wert auf die Feststellung, sie habe nie gefordert, Ausgabestellen in die Außenbezirke zu legen.

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