U-Bahnhof Hallesches Tor : Vorsicht an der Bahnsteigkante

Urkomisch, spontan und oft grenzwertig: Auf dem U-Bahnhof Hallesches Tor sitzen vier Berliner Schriftsteller und tippen ihre Beobachtungen und Assoziationen zu den wartenden Fahrgästen in ihre Laptops. Ein Ortstermin.

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Schriftsitzer. In den vier Bahnsteigecken schreiben die Autoren, auf der Leinwand erscheinen ihre Gedanken. Am Mittwochabend, 21 Uhr, geht es weiter.
Schriftsitzer. In den vier Bahnsteigecken schreiben die Autoren, auf der Leinwand erscheinen ihre Gedanken. Am Mittwochabend, 21...Foto: DAVIDS

Gebannt starren die Menschen auf die vier Leinwände. Es ist wie eine Sucht. Wann passiert endlich wieder etwas Neues? Da, der nächste Satz: „Der Mann mit der grauen Kapuze wäre gern gefährlicher.“ Als der Kapuzenmann merkt, dass die Menschen auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig in seine Richtung lachen, schaut er schnell auf die Leinwand über seinem Kopf. Der junge Mann liest den letzten Satz, ahnt, dass er gemeint ist, und flüchtet. Dorthin, wo ihn niemand mehr sehen kann.

Es ist ein fantasievolles, oft urkomisches aber auch bewusst grenzwertiges Spiel auf vielen Ebenen, das sich der argentinische Künstler Mariano Pensotti ausgedacht hat: In den Ecken der beiden U-Bahnsteige der Linie U 1 am Halleschen Tor sitzen vier Berliner Schriftsteller – darunter Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt aus Prenzlauer Berg – und tippen ihre Beobachtungen und Assoziationen zu den wartenden Fahrgästen in ihre Laptops. Wie literarische Überwachungskameras. Die Gedankenschnipsel werden auf Leinwände projiziert, wo alle sie lesen können. Da sind so wunderbar absurde Sätze dabei wie „Der große Mann mit der braunen Jacke wollte früher einmal Jockey werden. Bis er herausfand, was das ist.“ Aber auch Behauptungen wie „Die beiden Frauen sind nicht so gute Freundinnen, wie sie denken“.

Teilweise merken die Personen gar nicht, was da Spekulatives über sie geschrieben wird und dass andere darüber lachen. Das sind Momente, in denen das Übergriffige der so harmlos wirkenden Situation aufblitzt. In denen die Grenzen eines voyeuristischen Vergnügens spürbar werden, wie es heute in unzähligen Talk- und Talentshows, in Boulevardblättern und Internetvideos massenweise ausgenutzt und bedient wird. Auch wenn Rammstedt selbst niemanden mit seinen spontanen Ideen verletzen möchte: „Natürlich ist es unglaublich anmaßend, solche Sätze zu schreiben. Daher hoffe ich, dass die Zuschauer nur über meine hanebüchenen Vermutungen und nicht über die Personen selbst lachen“, sagt der 35-Jährige.

Das Spannende in der am Sonnabend uraufgeführten Performance „Sometimes I think, I can see you“ („Manchmal glaube ich, dich zu sehen“) findet nicht nur auf den Leinwänden statt. Sondern auch in den Köpfen und im Verhalten der Zuschauer und wartenden Fahrgäste, von denen einige aus Freude am Geschehen so manche U-Bahn einfach fahren lassen. Da gibt es die, die den heimlichen Wunsch hegen mögen, endlich auch von den „Kameras“ erfasst zu werden. Um für einen Moment im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Andere wiederum wirken unangenehm berührt, wie ertappt. Manche stellen sich aber auch bewusst in die roten Quadrate auf dem Boden, denn wer sich darin der Öffentlichkeit präsentiert, wird ausführlicher porträtiert. Und wieder andere wollen vor allem wissen, wie die beschriebenen Personen „in echt“ aussehen, schauen neugierig um sich, bis sie glauben, die Betreffenden entdeckt zu haben. „Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass es zu so viel Interaktion kommen würde. Das finde ich großartig“, sagt Pensotti.

Die Performance des 37-Jährigen ist Teil einer Tour, die im Rahmen des Festivals „Ciudades Paralelas – Parallele Städte“, einer Koproduktion vom HAU Berlin und dem Schauspielhaus Zürich, noch bis Freitag stattfindet. So kann man die literarischen Kameras sowohl als Teilnehmer der „Tour 3“ als auch als zufälliger Passant am Halleschen Tor erleben. Zentrales Thema des Festivals, das nach seinem Start in Berlin nach Buenos Aires und Zürich zieht, sind funktionale Räume wie Bahnhöfe, Bibliotheken oder Shoppingcenter. Sie werden von acht Künstlern zu Bühnen auf Zeit verwandelt, auf denen unter anderem die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum verhandelt werden.

Warum Pensottis Performance „Manchmal glaube ich, dich zu sehen“ heißt, bleibt sein Geheimnis. Spricht da ein Mensch, der seine verlorene Liebe in den Gesichtern der Vorbeieilenden sucht? Vielleicht ist es auch der Gedanke, dass, genauso wenig, wie sich auf diese Weise die Geliebte wiederfinden wird, Überwachungskameras etwas Wahrhaftiges über einen Menschen aussagen können. Oder dass hinter all den anonymen Kameras auf Bahnhöfen, Plätzen oder in öffentlichen Gebäuden ebenfalls Menschen sitzen. Auch sie mit Gefühlen, Geschichten und Geheimnissen. Die niemand sieht.

Performance Mittwoch-, Donnerstag- und Freitagabend zwischen 21 und 22 Uhr. Bahnsteige der U1, Hallesches Tor. Kostenlos. Mehr Details unter www.hebbel-am-ufer.de oder unter der Telefonnummer 25 900 – 427.

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