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U18-Wahl in Berlin : Grüne bei U18-Wahl gleichauf mit SPD - AfD deutlich schwächer

Parteien interessieren viele nicht, die Wahlbeteiligung war trotzdem hoch: Bei der U18-Wahl haben tausende Berliner Kinder und Jugendliche abgestimmt. Die Hauptstadtergebnisse unterscheiden sich deutlich vom Wahlausgang auf Bundesebene.

Felix Kessler, Milan Ziebula
Die Teenager aus dem Kreuzberger KinderJugendKulturZentrum haben auch ihre Stimmen abgegeben.
Die Teenager aus dem Kreuzberger KinderJugendKulturZentrum haben auch ihre Stimmen abgegeben.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Von so hoher Beteiligung wird die Bundestagswahl wohl weit entfernt bleiben. In Wedding kamen fast 100 Prozent der Schüler an die Urnen. So wie in der Aula der Herbert-Hoover-Sekundarschule in der Pankstraße, wo die Siebt- bis Zehnklässler zur Stimmabgabe aufgerufen waren. In ganz Deutschland haben sich Kinder und Jugendliche am Freitag an der U18-Wahl beteiligt, einer 1996 erstmals durchgeführten bildungspolitischen Initiative mit dem Ziel, das politische Interesse von Kindern und Jugendlichen zu fördern.

Grüne deutlich stärker als bei Prognosen für die "richtige" Wahl

In Berlin erhielt die CDU knapp 23 Prozent und ist damit auch unter den jungen Wählern die stärkste Partei. Die SPD erreichte rund 21 Prozent, ebenso die Grünen. Die Linke bekam 13 Prozent der Stimmen, die AfD gut fünf Prozent. Die FDP landete in der Hauptstadt bei gut vier Prozent (Details und weitere Zahlen gibt es hier). Beim bundesweiten Ergebnis sehen die Zahlen vom Samstagmorgen etwas anders aus: Die Union, also CDU und die bayerische CSU, erreichten gemeinsam gut 28 Prozent der Stimmen. Die weiteren Zahlen: SPD knapp 20 Prozent, Grüne gut 17 Prozent, Linke acht Prozent, AfD knapp sieben Prozent und FDP rund sechs Prozent.

Wie nächsten Sonntag bei der Bundestagswahl standen auch in den Schulen graue Wahlkabinen in den Wahllokalen. „Wir haben die Schüler bereits im Voraus mit einem Tag der Demokratie auf die anstehenden Wahlen eingestimmt“, sagt Schulleiterin Jane Natz von der Herbert-Hoover-Sekundarschule. Die Jugendlichen konnten sich über die Grundsätze der Wahl und die Programme der Parteien informieren.

Wählen statt Pauken

Für die U18-Wahl unterbrachen die Klassen am Freitag eine Viertelstunde lang den Unterricht. Konzentriert hörten sie der Schulsozialarbeiterin Andrea Bußmann zu, die den Ablauf der Wahl erklärt. „Es ist spannend zu beobachten, dass bereits die Siebtklässler sehr interessiert sind“, sagt Bußmann.

„In den höheren Klassen nimmt das Interesse manchmal schon wieder ab“, sagte Bußmann. Die Hoover-Schule hat einen hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund, in den ökonomisch schwachen Familien ist Politik oft Nebensache. Bei der letzten Bundestagswahl lag die Wahlbeteiligung in Mitte mit 69,4 Prozent rund drei Prozentpunkte unter dem Berliner Durchschnitt.

"Wir reden nicht über Parteien, sondern Krieg und Konflikte"

Außerhalb der Schule spiele Politik keine große Rolle, so der Neuntklässler Aaron Scott: „Wir reden eher nicht über Politik und die Parteien, sondern über die Kriege und Konflikte im Ausland.“ Scott engagiert sich als Wahlhelfer. In eine Jugendorganisation der Parteien will er aber nicht eintreten.

In Deutschland ist Minderjährigen ab 16 Jahren nur in Hamburg, Schleswig-Holstein und Brandenburg die Teilnahme an Kommunal- und Landtagswahlen erlaubt. In Berlin können 16-Jährige nur bei Kommunalwahlen abstimmen. In Hessen wurde das Wahlrecht für die U18-Generation 1999 nach nur einem Jahr Laufzeit wieder abgeschafft.

"Alle sind immer gegen Ausländer"

In der Wedding Hoover-Schule wollen in einer Klasse alle mitmachen, außer zwei Jungs. „Auch das ist in Ordnung“, sagt die Sozialarbeiterin. Besser sei es aber, diese Meinung im Zweifel über einen ungültigen Stimmzettel kundzutun. Viele der Teenager fühlten sich aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert und in der Gesellschaft nicht akzeptiert. „Alle sind immer gegen Ausländer, dabei bin ich auch Deutscher und habe einen Pass“, sagt ein Junge türkischer Herkunft.
Katharina Wengenroth, Landeskoordinatorin der U18-Wahl, sagt: „Jedes Kind, dass sich in Deutschland aufhält, darf bei uns wählen. Egal, ob es ein unbegleiteter Flüchtling ist, einen Migrationshintergrund oder deutschstämmige Eltern hat.“

Ihre ehrenamtliche Kollegin Katja Drießen steht neben Lufballons und blau-grünen Sichtschutzwänden vor dem einstigen Heizkraftwerk Mitte. Hier können junge Menschen wählen, deren Schulen sich nicht am Projekt beteiligen. Drießen war auch schon in den letzten Jahren dabei und weiß aus Erfahrung: „Das Ergebnis der U18-Wahl unterschied sich bisher nicht stark von dem der Bundestagswahl. „Die Tierschutzpartei wäre aber, wenn es nach den Schülern ginge, im Bundestag vertreten.“

Mit dem Wahlmobil durch den Kiez

Auch im Kinder- und Jugendkulturzentrum vom Stadtteilzentrum Alte Feuerwache e.V in Kreuzberg wurde heute gewählt. Kinder und junge Erwachsene im Alter zwischen sechs und 27 Jahren können hier mehr als nur abhängen.

"Letzte Woche haben wir gemeinsam eine Wahlveranstaltung besucht", erzählt Leiterin Katrin Gödeke. "Uns ist es wichtig, die Jugendlichen auf ihre erste Wahl vorzubereiten".

Am Nachmittag zog sie mit ihrem Team und einem bunt geschmückten Wahl-Mobil durch den Kiez rund um den Anhalter Bahnhof. "Wir gehen auf die Spielplätze und zu den Treffpunkten in der Umgebung", so Gödeke. Jedes Kind, das möchte, bekommt dann einen Wahlzettel und kann ihn in die in das Wahl-Mobil integrierte Urne werfen.

Alle Ergebnisse der U18-Wahl gibt’s unter: www.u18.org.

In einer früheren Version des Artikels wurde versehentlich das vorläufige Ergebnis der Partei Die Linke ausgelassen. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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