Berlin : Udo Fieber

Er wusste es schon vor dem Stimmbruch: "Sozialist teilt jeden Mist"

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Udo Fieber, der sein Examen nur knapp bestanden hatte, war einer der fähigsten Lehrer an der Neuköllner Sonderschule. Er wusste, wann ein scharfes Wort angebracht war, wann ein Lachen, wann eine Berührung an der Schulter. Er holte manch ein Kind an der Haustür ab, um es zur Schule zu bringen. Am Wandertag lotste er die Kinder raus aus dem Sumpf, hoch auf den Teufelsberg. Den Lohn für die Gipfelerklimmung, eine Einladung an der nächsten Imbissbude, spendierte er selbst.

Nicht die Theorie, sondern sein Herz und die Erfahrung sagten ihm, was er zu tun hatte.

Über die trostlosen Verhältnisse, in die er und seine drei Geschwister hineingeboren wurden, sprach er ungern. Er bevorzugte es, die Erzählung seines Lebens mit dem Auftritt seiner Großmutter zu beginnen. Die hatte ihn als Neunjährigen zum Auskurieren einer Krankheit in ihre kleine Zehlendorfer Wohnung geholt und anschließend einfach dabehalten. Fortan wurde nur noch gekocht, was dem Enkel schmeckte. Jeden Tag ein Lieblingsgericht – so kurierte sie Udos Seele.

Er rollte einen Baumstumpf in sein Zimmerchen und lud ein, daran Platz zu nehmen. Ob Villenkinder aus Wannsee oder die aus den Sozialwohnungen, zu Udo kamen alle. Seine große Klappe verschaffte ihm Respekt, seine Warmherzigkeit Zuneigung. Untermalt waren die Runden mit Liedern von Rio Reiser, Roberta Flack und Van Morrison mit „Gloria“. Gloria hieß auch Udos erste große Liebe.

Lieben, feiern, Unfug machen und trotzdem nie den Bodenkontakt verlieren, so war Udo. Füreinander da sein, darauf kommt es an. Was viele erst in fortgeschrittenem Alter oder nie begreifen, wusste er schon vor dem Stimmbruch. „Sozialist teilt jeden Mist“, versuchte er seine Freunde im Jargon jener Jahre zu überzeugen. Wütend konnte er werden auf diejenigen, die das nicht kapieren wollten oder seine Pünktlichkeit und Korrektheit belächelten. „Wäre doch mein Sohn wie du“, hörte Udo mal einen der Villen-Väter seufzen.

Udo war in mehreren Welten zu Hause: in der Bildungsschicht wie im Arbeitermilieu, im Soul wie im preußischen Beamtentum. Wohin gehört so einer?

Das wusste Udo auch nicht und zog nach der Realschule die logische Konsequenz: Statt für einen Beruf entschied er sich für einen VW-Käfer, in dem er seinen Besitz verstaute. So durchschiffte er die Straßen von Berlin, stieg mal in dieser, mal in jener WG ab oder kugelte sich in dem Käfer zusammen. Wenn ihm danach war, trampte er mit Freunden quer durch Europa, und wenn er Geld brauchte, arbeitete er als Eilbote für die Post.

Bis er in Moabit strandete, wo er zusammen mit Freunden direkt gegenüber vom Knast eine Kneipe eröffnete, den „Schlauch“.

Hier fand zusammen, was nicht zusammengehörte: Die Gefängnisbeamten und die Studenten, die einen Tisch weiter Pläne schmiedeten, einen Tunnel zu buddeln. Der sollte vom „Schlauch“ zu den politischen Gefangenen führen, um sie zu befreien oder wenigstens mit einem frisch Gezapften zu trösten.

Und dazwischen Udo: Immer am Schuften, immer den passenden Spruch auf den Lippen, immer was Gutes im Ofen. Nach einem Jahr beschlossen die Freunde, wieder auszusteigen aus dem „Schlauch“: Genug Bierdunst geatmet, genug Kippen entsorgt. Da musste es noch andere Aufgaben geben, Kraft war ja da, mehr als genug.

Udo holte sein Abitur nach. Und wenn man schon Abitur hat, dann sollte man die Gelegenheit nutzen, einer vom Volke der Villenmenschen zu werden, oder nicht? Doch als die Uni ihm seine Immatrikulationsunterlagen für Zahnmedizin schickte, befand Udo sich gerade in irgendeinem Schlafsack in südlicheren Gefilden. Dann eben keine Villa.

Dann eben an die Pädagogische Hochschule, wo er die Fächer Arbeitslehre und Darstellendes Spiel studierte. Er hat diese Entscheidung nie bereut. Bei seinen Freunden durchaus für Anwandlungen von Jähzorn bekannt, ließ Udo sich auch von dem unaufmerksamsten Schüler nicht aus der Ruhe bringen. Wenn er wütend war, dann auf die Eltern. Die Kinder aber waren bei ihm sicher, so sicher wie an keinem anderen Ort. Er wusste, woher ihr Verhalten rührte, wusste zu jeder Zeit, was er tat und wofür, und er tat es mit Freude. Als wollte er diese Freude auch äußerlich zeigen, trug er mit Vorliebe Orange, Gelb oder Pink.

Ganz nebenbei brachte die Schule ihm nicht nur die passende Aufgabe, sondern auch die Frau fürs Leben, eine Kollegin. Als sie ihm zusammen mit seinen Freunden zum 50. Geburtstag ein Saxofon schenkte, war das für Udo das Sahnehäubchen seines Glücks. „Das Saxofon war er“, sagt ein Freund. „Sensibel, laut und leise, weich wie Butter in der Sonne, ruhig und trotzdem immer in Bewegung.“

Die Krebsdiagnose kam wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Er sprach nicht vom Tod. Keine Theorie. Nebeneinander auf dem Rücken liegen. Die Hände berühren. Nähe fühlen. So nahm er Abschied.

Zu seiner Beerdigung schrieben die Schüler ihm Briefe. Ungelenke, mühsam gemalte Buchstaben, die Sätze bilden wie diese: „Sie waren der lustigste Lehrer, den ich je gesehen habe.“ – „Sie waren immer nett zu mir. Du hast immer zu mir gesagt: Mach kein Blödsinn.“ Anne Jelena Schulte

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